Nachruf

Jetzt sitze ich hier und möchte dir einen letzten Aufsatz verfassen - ein Memorandum der Posse sowie Trauerrede zugleich. Ein Schreiben, das dich begleiten soll - in die Geschichte, in den Olymp des Otto-Motors, zur Werkstatt oder einfach nur zum Alteisenhändler.

Wie die Geschichte auch enden oder unendlich in den Geschichtsbüchern des Microfichs verewigt sein wird - ich muss es machen. Das bin ich dir schuldig.

Vor langen Jahren, als das Blut noch heiß und das Knie nur in eine Richtung abzubiegen war, verärgerte mich eine Schwedin so arg, dass sie einem Menschenhändler zu Pentling übergeben wurde. Verzeih mir das weite Ausholen, doch spiegelt es die Einstellung und Zwischenmenschlichkeit von Mensch und Maschine wider, so dass ich es nicht versäumen möchte aus diesem Brunnen reichhaltig zu schöpfen.
Diese Beziehung ließ es damals zu die Marke zu wechseln, um erste Kontakt mit deiner Familie aufzunehmen. Weniger poetisch würde ich sagen, ich "schiss“ auf alle Husaberg. 

Ich bin kein Unmensch, doch bei dem bloßen Anblick deiner kleinen Schwester, mit dem noch etwas schmalbrüstigen Nummernkürzel 400, war es, als wäre ich heimgekommen. Heimgekommen von einer langen Reise durch die Binnengewässer der Ahnungslosigkeit. Wieso ich mit den Erzählungen bei deiner Vorgängerin einsteige, will ich gerne aufklären. Das Lesen fiel mir von jeher schwer, doch dieser Beschäftigung bin ich über dieses blaue Teil der Motorradgeschichte ausnahmsweise ausgiebig nachgegangen. Und alle Weisheiten die verbreitet wurden, sah ich in diesem blauen Etwas bestätigt - ein Glücksgriff.

Doch der Mensch drängt nach mehr und so kam ich dazu, auf deine Kontaktanzeige zu reagieren.
Eine 450 sollte es sein! So stand es in der Illustrierten, deren Einleitung regelmäßig ein vollbärtiger Pseudo-Journalist verfasst hatte. Nicht nur die Nummer am Seitendeckel, sondern auch die Anzahl der Knöpfe am Lenker hätten sich geändert. Ein besonders bunter mit Brumm-Effekt sollte auch dabei sein. Farbenfrohe Bildchen und positiver Sirenen-Gesang ließen nur ein Handeln zu:

Die kleine Schwester gab ich in gute Hände ab, bei denen sie nun ein Dasein in Kriechöl  und Alu-Applikationen fristet. Mein Fast-Freund Werner kümmert sich seitdem liebevoll um das aussortierte Stück, wobei er anfänglich die Beziehung noch gegenüber seiner Nebenfrau vertreten musste.

Dann wurdest du eingeladen, an meinem Leben teilzuhaben. Bestellung lief aus. Die Verhandlungen mit Turnvater Jähn waren kurz aber erbarmungslos. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sich dieser Kapitän der Ostflotte als erster vom Schiff "Yamaha" abseilen und in den rettenden Hafen schwimmen würde.

Die sonnenstichgeplagten Spanier, die wahrscheinlich zum Bullenstriegeln in der Arena zu dämlich waren, hatten dich zusammengebaut. Das überraschte schon stark, denn Japan liegt doch eigentlich nicht so nah dran (an Spanien, nicht an der Arena).

Wie auch immer, so standest du dann vor mir, zwar ohne richtigen Tacho, aber mit einem blauen Kotflügel. Dieser wurde flugs gegen einen gelben ausgetauscht und nun stand unserer Liebe nicht mehr im Wege. Ich war so "blauäugig“, dass ich dein klägliches Räuspern, wenn ich den Anlasser gedrückt hatte, als gute Bemühungen deutete. Ja, dein Anlasser, er gab immer wieder "Anlass" zu Diskussionen. Jetzt weiß ich auch woher das Wort kommt, und ich hatte fälschlicherweise gedacht, das hätte etwas mit dem Motor zu tun. Entschuldige meine Unverfrorenheit.
Ich stand aber immer wie eine Mauer vor dir oder besser: auf dir. Allen Kritikern zum Trotz war ich sogar stolz, nicht auch noch die Lieblingsfarbe der Holländer unter dem Arsch zu haben. Holland fuhr ja nicht mal zu WM, aber das ist eine andere Geschichte.

Zu deiner Verteidigung muss ich sagen, dass es dir an Leistung nicht mangelte. Hier sind wir uns ähnlich. Wie könnte ich dich sonst - bei wieder mal leerer Batterie -  auf den nächsten Hügel ziehen?

In diesem Jahr aber nahmen die Dinge eine dramatische Entwicklung:
Ich, die Blüte meines Lebens schon hinter mir, hatte erneut enorme Probleme mit dem teuer eingekauften Zusatzknopf an deinem Lenker. Dazu paarte sich auch noch der treue Freund Kickhebel. Beide Gesellen blieben wirkungslos und du dazu stumm. Ein durch Panik-Attacken durchsetzter Downhill im 3. Gang hauchte deinem Kessel zunächst erneut  Leben ein. Wie sich später herausstellte, nur noch für kurze Zeit.

Den Duft der Abendkost schon in der Nase, rollte ich auf den Hof unseres Gastgebers, als ein Knirschen aus deinen Innereien zu vernehmen war, welches an ein defektes Windspiel im Orkan erinnerte. Das Mahlwerk meiner Espressomaschine lässt mir wenigstens einen kulinarischen Genuss zu Teil werden, diese ähnlichen Laute aber bestimmt nur einen der besonderen Art…

Hier gibt es jemanden, der das Geräusch schon öfter vernommen hatte und Rat weiß:

Wolfman!!!!

Den Gynäkologen der Motoren, den Rächer aller Schlammlöcher, die Sense der Federbeine, den Arzt, dem die Schaltklauen vertrauen...
Mit einem Rettungsspreizer und einer Infusionslösung (Fassbier) hob er den Seitendeckel ab und brachte eine Tüte "Colorado Auslese“ von Haribo ans Tageslicht.

Zumindest hatten die Innereien mehr Ähnlichkeit mit Lakritz als mit einer funktionstüchtigen Lichtmaschine.

Einige abgescherte Schräubchen sowie "Pizzareste“ bis im Ölfilter brachten ein richtiges "Hallooo“ unter meine Weggefährten. Die Innenseite hatte die Gesichtszüge von Jürgen Prochnow angenommen und der ist nun mal so hässlich wie ein unrasierter Schwanz. 

Nun ist das Maß voll. Vergessen war der Ölverlust vergangener Tage sowie das ohnehin serienmäßige Hohlkreuz deiner Federwege. Immerhin nennt man mich auch nicht gerade den "Spatz von Avignon". Du dagegen hattest es mir lange nachgetragen, als ich dich als Naturfreund mit einer Buche bekannt gemacht hatte. Eine Woche lang zogst du ein Gesicht wie Karl Dall. Ich hatte Verständnis, doch die Liste Alzheimer ist nun voll.

 

Ich montiere den gelben Kotflügel wieder ab und werde deine Wunden schließen - ein letztes Mal kommst du in den Genuss eines Updates. Eines für wahrscheinlich 1000 Silberlinge. Doch dann heißt es Abschied nehmen. 

Du nimmst Abschied von der Slowakischen Bärenkacke, die dir so an den Krümmer gewachsen ist. Von dem technischen Vergleich mit den Holländern - du hast ihn leider verloren.

Ich nehme Abschied von den Kickorgien und Lachern meiner Mitstreiter. Von den Klabusterbären, die ich schlucken musste beim Le Mans Start. Ich hatte trotz 11,4 sec auf hundert Meter nie eine reelle Chance.

Aber ich habe diese Chance verdient!!!

Ich habe verdient ohne Kreuzschmerzen meinen Lebensabend zu bestreiten. Ich hatte dich nicht nur bildlich auf Händen getragen, sondern immer der Konkurrenz hinterher. Es kann nur heißen: Good buy! (kein Schreibfehler)

Unsere Wege trennen sich und solltest du irgendwann einem vernünftigen Verwendungszweck zugeführt werden, so besuche ich dich am größten Staudamm der Welt in China. Die kaufen alles Eisen auf - ein dummes Volk.

Bedanken möchtest du dich sicher bei den debilen Spaniern, Turnvater Jähn, der sich am Anrufbeantworter immer tot gestellt hatte, Otto mit seinem Holzkeil - er hätte besser Schreiner werden sollen, Akkubohrer Mane, der sich wegen dir selber das Knie angebohrt hat, den Trinkrucksäcken -sie waren immer zu klein- und nicht zuletzt dem Monteur, der dir das Loctite verweigert hat, damit du einen schnellen Tod findest.

Ich bedanke mich bei Schrecki dem Schlafmonster, der mir durch seine Simulationen einen weiteren Fahrtag beschert hat. Fero für sein Synchrontauchen - dadurch waren nicht immer alle Augen auf mich gerichtet, und zuletzt natürlich dir….

Für was, fällt mir momentan nicht ein - und die Tränen verwaschen meine Gedanken.

Die Freudentränen auf ein neues Moped.

 Ich werde dich nicht vermissen.

 

Dein

 

Dr. G. Wichtig