Aufpassn!

Die Kolumne von Dr. G. Wichtig

 

Nachruf die 2.

 

So, Winter wird´s, die Nächt lang und zu dieser Jahreszeit komme ich nur selten in die Garage. Hier steht zugedeckt ein Stück Metall, an das ich jetzt mal ein Wort richten will. Ein Eisen, das mir die ganzen Jahre die Treue gehalten hat...Ihr erwartet einen Witz??

Fehlanzeige -

Du stehst jetzt in dieser Garage und das Nummernschild ist abmontiert. Das erste mal seit über zehn Jahren.

-Was soll jetzt diese sentimentale Scheiße???- könnte jemand fragen...

Rückblende:

Wir stehen zusammen am Passo buole, nah am Gardasee und haben die Hosen voll. Wir hatten davon gehört, aber nun probierten wir es selbst einmal. Die steile Westflanke soll es werden und alle haben leichtes Material“ mitgebracht.

Ich auf dir und 240kg unterm Arsch - kräftig wird am Gas gekurbelt. Auch hier denken die Gefährten an einen Witz und trauen ihren Augen nicht. Eine Bergzieg mit 240 kg sieht man nicht so oft. Im Ernst - ich hätte genauso deine Eingeweide am Grund des Tales verteilen können...aber nur hätte können.... Stattdessen waren wir zusammen am Gipfel und spendierten den Durstigen noch aus deinem 35 liter-Fass ein paar Schoppen Sprit.

Ein Jahr danach werde ich mit einem  Einzylinder hängen bleiben...

Und wieder zurück:

Etwas gebraucht siehst du wohl aus, oder warum hat dich der geizige Schwabe nicht gekauft? Stattdessen hat er rumgemosert, dass du nicht so fit seiest, wie er angenommen hatte. Nicht so fit??!!

Vorhang auf:

Staller Sattel in irgendeinem Frühjahr. Mit einigen Straßenheizern stehen wir an der unteren Ampel und jedermann hat schon den Motor an. Alle machen den Anschein, als ob sie besonders schnell wären und auch gewillt seien auf dem extrem schmalen Pässchen das letzte aus der Maschine zu holen. Da steht die Fireblade neben der Rd 350, oder auch Fazer und Co sind vertreten. Mittendrin oder besser auf dem unbefestigten Rad der Straße ein müder Boxer. Zugegeben, wir kennen den Weg....ein Autopilot wäre arbeitslos. Und dann folgt die grüne Ampel mit riesigem Gebrüll Richtung Passhöhe. Weil mancher vor lauter Gasgeben den Gang vergessen hatte, reihen wir uns im vorderen Drittel ein. Spass ohne Ende, je enger desto besser! Vor uns nur noch eine 1150 und der wahnsinnige Tom mit seinem Reisedampfer. Die 1150 benutzt eine Parkbucht um nach dem rechten zu fragen. Zuhause könnte ja der Herd an sein. Und dann kommt das unvermeidliche. -Nicht mehr ganz so fit- setzt den Blinker und tuckert mit 60 PS den Berg hinauf. Klingt nach Eigenlob? Mir egal, jeder Boxerfahrer weiß wovon ich spreche...Oben ist die Zigarette halb geraucht bis der nächste erscheint. Glaubt ihr nicht? Ja gut, stimmt...rauchen tu ich jetzt nicht mehr.

Zurück in meiner Garage sehe ich nach dem rechten. Gewaschen und poliert würde ich dich jetzt immer noch kaufen. Das Avus-Schwarz hat aber tatsächlich schon ein paar Macken. Der beleidigte Motorschutz wurde aber gegen einen neuen getauscht. Woran war der alte denn erkrankt? Im Keller habe ich ihn aufgehoben, wie alles, was jemals an dir dran war. Da liegt er ja...!:

Im Zelt friert es uns den Arsch ab, unsere Nachbarn haben im Wohnmobil nebenan eine Flasche Wein geköpft. Die bessere Wahl bei einem Zeltplatz auf 1000m Höhe. Von nachtischgroßen Felsstufen hatten sie erzählt. Sie waren auf dem Achtzylinder - Chabo - dem Berg der Motorradfahrer. Der Name ansich hat schon was bewegendes. Hunderte hatten dort im ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen - wir hatten ernsthaft Befürchtungen dieses Schicksal zu teilen.

Der Chaberton.

Nicht weniger Geschichten als Leichen gibt es zu diesem Berg.

Bemitleidende Blicke haben wir noch mitzunehmen. -Den Chaberton mit der GS? ...eine Herausforderung...- und ein leichtes Grinsen huscht über sein Gesicht.

Alles was ich hörte war wahr. Abgründe und Flatterfaktor wie in jedem einzelnen Bericht, den wir über den Weg nicht gelesen, sondern gefressen hatten.

Stolz wie Oscar mache ich ein Gipfelfoto - ein ähnliches Gefühl habe ich bis zu dem Zeitpunkt nicht erlebt - ehrlich. Dasselbe sage ich über die Rückfahrt. Die Nachtkästchen machen deinen Motorschutz zu Schrott. Ein Loch so groß wie ein Orden aus dem ersten Weltkrieg.

Zuhause im Keller halte ich das verbeulte Ding jetzt in den Händen - bin ich jetzt ein Weichei oder was? - Mann, schmeiß den Schrott weg und verkauf den Plunder, der ist eh nicht mehr Zeitgemäß!-

Zeitgemäß? Ja, das stimmt. Die BMW ist nicht zeitgemäß - sie ist zeitlos. Diese Mühle kannst du immer fahren, Sommer wie Winter, Straße wie Gelände (ich rede von richtigem Gelände), Kilometerfresser und Kochstelle. Alles in einem.

Schade nur, dass ich sie verkaufen will.

Will ich?? Eigentlich überhaupt nicht. Schon gar nicht an irgendeinem derhergelaufenen Schwaben, der dich nicht zu schätzen weiß.

Preis? Uninteressant.

Eines ist klar, die Geschichten sind nicht erfunden und bestimmt nicht die einzigen, die ich zu erzählen hätte. Wo ich bisher war? Wohin gingen die Reisen? Überall dahin wo es schön ist oder wo ein Fußgänger ins Schwitzen kommt.

Gesehen hast du schon viel und könntest noch viel mehr sehen, wenn dein Lenker mehr Zeit hätte. Das alte Lied...

Auf technische Mängel, Reparaturen oder Verbesserungen möchte ich hier wirklich nicht eingehen, denn wenn jemals mein Standardspruch gepasst hat, dann auf dich:

 

- Motorräder sind auch nur Menschen“

 
   
 
 


Tschüß Dicke

Euer

Dr. G. Wichtig