Libyen 1999

Orkanähnlicher Wind in der Sahara.

"Ob 110km/h für diese Monsterdüne reichen?", denke ich als ich auf meiner XR600 im 4.Gang mit Vollgas einem riesigen Sandberg entgegenfahre. Mächtig hoch und orange türmt sich der Berg vor mir auf und rückt rasch näher. Und noch bevor ich mir Gedanken machen kann, wie ich hier wieder herunterkommen werde, preßt mich die plötzlich beginnende Steigung in den Sitz meiner Enduro. Schon nach etwa 50 metern muß ich auf den dritten Gang herunterschalten, denn die gut 40PS der XR reichen hier nicht mehr aus, um die Geschwindigkeit zu halten. Immer wieder blicke ich auf den Sandboden, der unter mir nach hinten wischt. Aber auf dem einheitlichen orangen Untergrund ist die Geschwindigkeit schlecht zu schätzen. Die Kante der Düne rückt immer näher. Runter vom Gas, oder doch noch nicht? Und einen Moment später erklimme ich den Gipfel der Düne, gerade noch mit dem letzten mobilisierten PS des dritten Gangs. Ich stelle den Motor ab und genieße den Ausblick der gut 150m hohen Düne inmitten des Idhan Awbari in Libyen. Die erste höhere Düne ist erklommen!
Das Land mit einer Fläche von 1,8Mio km2 ist etwa 5 mal so groß wie Deutschland.  Angesichts dieser riesigen Ausmaße ist die Fahrt mit einer Sportenduro entweder nur mit erheblichem Gepäckaufwand oder mit Begleitfahrzeugen möglich.
Bereits im Vorfeld der Planung einer Libyenreise entschied ich mich für eine begleitete Reise mit einem Veranstalter. Die zur Tour notwendigen Umbauten der XR (40l Tank, evtl. Hecktanks, Gepäcksystem) wären teurer gewesen als die Kosten der Tour selbst. Vom "Fahrspaß", der mit soviel Gepäck gleich null ist, einmal ganz abgesehen. Ganz zu schweigen von langen Anfahrt, die mein Freund Peter auf seiner 350er Husqvarna sicherlich nicht überstanden hätte.
Von Rosenheim nach Genua bis Tunis und weiter nach Libyen bis nach Darji blieben die fünf Enduros auf dem Lastwagen, zusammen mit dem Rest der Ausrüstung. Somit konnten wir etwa 2000km sparen. (Die wir durch Europa, Tunesien und Libyen auf Teerstraßen zurückgelegt haben.)
Als wir dann endlich den Asphalt bei Darji verlassen in Richtung Idri, ist jeder voller Vorfreude auf die vor uns liegende Piste von etwa 570km Länge. Wir, das sind fünf Motorradfahrer, zwei Jeeplenker und unser Veranstalter Martin Hähle mit einem nagelneuen MAN L2000 4x4 LKW. Drei der fünf Motorradfahrer haben ein GPS Gerät am Lenker, der LKW sowieso. Nur die beiden Jeepfahrer haben keines, was sich bereits am ersten Tag rächen sollte. Als wir eine endlos erscheinende Geröllebene entlang fahren, fuhr Hendrik mit seinem Mitsubishi L200 zu weit voraus. Als er dann schließlich doch stoppte, blieb zur gleichen Zeit auch der LKW stehen. Beide warteten aufeinander. Als nach 30Minuten keiner den anderen sah, bekam Hendrik Panik. Er glaubte, hinter dem LKW zu sein und fuhr flott weiter. Wir Motorradfahrer waren zu diesem Zeitpunkt bereits 30km weiter und warteten an einem GPS Punkt auf den Rest der Fahrzeuge. Nach einer Stunde Wartezeit fuhren wir jedoch zurück und fanden den LKW und den Suzuki LJ80 Jeep, nicht aber Hendriks Mitsubishi vor. Schnell war ein Plan erdacht und wir fuhren alle nebeneinander, auf Sichtweite entfernt, nach Süden weiter, um Hendrik zu suchen. Als es schließlich dämmerte, brachen wir die Suche ab und entzündeten einen alten Reifen in der Hoffnung, der verloren gegangene Hendrik würde den schwarzen Rauch sehen.
Nach dem reichlichen Abendessen verzogen wir uns dann relativ früh in die Schlafsäcke, um morgen den verlorenen Jeep samt Fahrer zu finden. Immerhin hatte er 200l Treibstoff dabei, sowie 20l Wasser. Nur keine Verpflegung war an Bord des Fahrzeuges.
Am nächsten Tag dauerte es noch bis Mittag, bis wir den Ausreißer einholen sollten. Mit Hilfe seiner Kompaßuhr war es ihm gelungen, auf der richtigen Piste zu bleiben, doch beim Versuch, ein Lava Gesteinsfeld zu durchqueren hatte er sich zwei platte Reifen geholt. Zum Glück, sonst wäre er wohl bis Algerien weiter gefahren. Mit Hilfe  zweier Müsli-Riegel, die Hendrik bei sich hatte, war Ihm auch ein opulentes Abendessen sowie das Frühstück heute morgen möglich.
Endlich wieder vollzählig, wechselten wir mit Montiereisen die beiden platten Reifen  und setzten die Fahrt fort. Tags darauf stehen wir nun auf dem Kamm dieser riesigen Düne während Martin unten am LKW das Mittagessen vorbereitet. Als Peters Fußraste abbricht, fahren wir schließlich zum LKW zurück um mit dem mitgebrachten Schweißgerät den Schaden zu reparieren -nach dem Essen, versteht sich.
Eine solche Düne hinunterzufahren ist beim ersten Mal ein besonderer Nervenkitzel: Das mit einem Hillclimbing vergleichbare stark abfallende Gelände muß auch noch mit Gas gefahren werden, damit der Vorderreifen nicht im Sand versinkt. Ein Überschlag wäre sonst nicht zu vermeiden. Den Rest des Tages fahren wir auf schnellen Steinpisten, immer ein paar Kilometer vor den 4x4 Fahrzeugen her. Streckenweise lassen die Pisten bis zu 140km/h zu, schneller kann meine XR hier nicht laufen. Die zwei KTM Piloten Jürgen und Bernhard legen hier noch ein Brikett nach und lassen mich in ihren Auspuff schauen - Mist!

Schließlich erreichen wir die "Pipeline Piste", eine Piste neben der von Süden kommenden Rohöl führenden Pipeline, auf der wir die restlichen Kilometer rasch abspulen. In Ubari angekommen, melden wir uns zur Erfassung unserer Personalien bei der Polizeistation. Wir kaufen noch Brot, um für die nächsten Tage wieder unabhängig sein zu können. Auch die Treibstoff und Wasservorräte werden aufgefüllt. Der Benzintank für die Motorradfahrer und den LJ80 befindet sich am Lastwagen und fasst etwa 700l. Doch einmal Vollmachen kostet gerade mal 60 Mark. Gar nicht auszudenken, was das in Deutschland kosten würde! Hier spart man einen Teil der gut 320 Mark ein, die man an der Grenze für das Einführen eines Motorrades zahlen muß.
Unser nächstes Ziel sind die Mandara Seen. Inmitten von großen Sanddünen trifft man als erstes auf den Mandara See. Wir fahren weiter zum schöneren "Um el ma". Das heißt soviel wie Mutter des Wassers. Hier baut am darauffolgenden Tag auch ein Kamerateam des ORF sein Lager auf. Ob sich die Kameraleute die Einsamkeit und Stille der Wüste dann auch so vorgestellt haben, ist mir nicht bekannt. Interessiert beobachten Sie das motorisierte Treiben auf unserer Seite des Sees. Hinter den Suzuki Jeep wird ein Seil gespannt und Jürgen hängt mit den Skiern hinten dran. Wie beim Skijöring, nur eben auf Sand. Auch ein Snowboard ist mit dabei, mit dem Hendrik die steilen Hänge einzelner Dünen heruntersurft. 
Nach einer warmen Nacht (es hat endlich mal mehr als 3 Grad) machen wir uns an die Arbeit. Die Luftfilter der Motorräder werden gereinigt. Meiner bereits zum zweiten Mal. Gegen Mittag fahren wir dann los über die Dünen in Richtung "Um el Ress". Dieser See ist etwa 20km Luftlinie entfernt. Wegen des aufkommenden Sandsturms, der gerade beginnt, als wir den See erreichen, benötigen wir für die Hin- und Rückfahrt mehr als 5 Stunden. Und das für kaum 50 gefahrene Kilometer! Wir sind heilfroh, unser Camp vor Einbruch der Dunkelheit erreicht zu haben. Sonst wäre eine Übernachtung in den Dünen ohne den gewohnten Komfort eines Zelts oder Schlafsacks die Folge gewesen.
Die nächste Pistenstrecke erreichen wir nur über eine 450km lange Anfahrt auf Teer. Leider ist die Straße in einem derart erbärmlichen Zustand, daß die aufgeplatzte Oberfläche des Asphalts uns die Zahnplomben herausschüttelt. Am Abend stehen wir schließlich kurz hinter der Oase Al Katrun. Von hier aus brechen wir am folgenden Morgen auf zur Südumfahrung des Murzuk Ergs. 750km ohne Versorgungsmöglichkeit liegen vor uns. Mit mindestens mit drei autarken, Sahara-tauglichen Fahrzeugen sollte man unterwegs sein, meint unser Reiseführer-Buch. Eine nicht ganz ungefährliche Sache, bedenkt man die geringe Wahrscheinlichkeit, bei einem irreparablen Defekt des LKWs, auf andere Fahrzeuge zu treffen.
Immer wieder treffen wir auf Weichsandpassagen, bei den ersten versinkt gleich der LKA bis zu den Achsen. Nur mit gemeinsamen Kräften und den Sandblechen gelingt es uns, den 4x4 wieder flott zu bekommen. Deshalb fahren jetzt die Motorradfahrer voraus oder auch der nur 900kg leichte Suzuki, die leichter zu bergen sind, falls wieder eine der kaum sichtbaren weichen Passagen kommt. Bei einer Ausgrabung von japanischem Kulturgut, dem Mitsubishi Jeep, geschieht dann das unfaßbare: Beim der dritten Schaufel Sand fördere ich eine Flasche französischen Biers zu Tage. Das Haltbarkeitsdatum ist noch nicht überschritten und so wird das Geschenk der Wüste gleich getrunken. Wie diese Flasche Alkohol, die nach Libyen gar nicht eingeführt werden darf, hierher kommt, bleibt ein Rätsel. Am Abend zeigt der Tageskilomterzähler dann 260Km. Nicht schlecht, denn es waren auf Sand mehr als 300 Höhenmeter zu überwinden.
Ein Sandsturm während der Nacht sorgte für eine gleichbleibende Geräuschkulisse in den Zelten. Das Flattern der Zeltwand übertönte sogar das Schnarchen unseres  Suzuki Lenkers Alex, den man sonst gut 20m weit sägen hörte.
Am Morgen überqueren wir einige steile Dünen. Es gilt, von den gut 1100m  Meereshöhe wieder auf etwa 800m herunter zu fahren. Der LKW vollbringt dabei wahre Kunststücke, als er die steilen Abfahrten mit tief einsinkenden Rädern hinunter fährt. Es wäre äußerst unpassend, 300km weit von jeglicher Siedlung entfernt, den LKW umzuwerfen.
Gegen Nachmittag erreichen wir gewaltige Dünen, von denen einige 200m Höhe überschreiten. Selbstverständlich müssen gleich alle Motorradfahrer den Aufstieg probieren. Für diesen Buckel hat meine XR leider zuwenig Schmalz, so daß ich nach dem vierten Anlauf immer noch 30 Meter unter dem Gipfel stehe, während der erste KTM Pilot schon oben wartet. Mit dieser großartigen Kulisse im Hintergrund bauen wir unser Camp für die Nacht auf.
Der letzte Tag der Murzuk Umfahrung bringt lange, weiche Sandebenen, die zwischendurch von steinigen Hochebenen abgelöst werden. Immer wieder stehen hohe, orangefarbene Dünen zu unseren Linken. Als wir schließlich das Wadi Mathendous erreichen, bleibt nur wenig Zeit, um die prähistorischen Felsgravuren in der Schlucht zu bestaunen.

Etwa 30 Kilometer müßten wir heute noch fahren auf unebener steiniger Piste. Inmitten einer solchen Steinwüste sind wir dann schließlich gezwungen, zu übernachten. Das Weiterfahren wäre in der Dunkelheit zu gefährlich. Außerdem beginnt es, leicht zu regnen.
Mit ganzen 3 Grad und Nieselregen begrüßt uns der neue Morgen. Mit dem Regenzeug sitzen wir auf und machen uns auf den Weg. Die vielen Steinbrocken auf dem Weg sind durch die Nässe sehr rutschig. Doch schon nach wenigen Kilometern fahren wir von der Steinpiste in ein Qued hinab und folgen ihm. Ein breites Tal eröffnet sich vor uns mit beidseitig steil abfallenden Felswänden und sandigem Boden. Fast wie bestellt, beginnt auch die Sonne zu scheinen. Eine traumhafte Fotokulisse. Eine halbe Stunde später haben wir wieder Asphalt unter den Rädern. Beim Check der Fahrzeuge wird am LKW eine gebrochene Blattfeder diagnostiziert. Nachdem wir die Feder kurzerhand mit einem Spanngurt fixieren, geht die Fahrt weiter in Richtung Pipeline Piste. Das am Anfang dieser Piste befindliche Ölfeld mit Wachposten wird einfach etwas umfahren, nachdem uns die dortigen Arbeiter eine direkte Durchfahrt verboten hatten. Wir treffen bei Km 2 der Pipeline wieder auf unsere 4x4 Fahrzeuge, die nach Ubari gefahren waren um Benzin und Wasser zu bunkern. Gemeinsam fahren wir der Ölpipeline nach Norden entlang. Immer wieder sind hohe Dünenberge zu meistern. Auch die Autos müssen über die sandigen Hindernisse, es gibt keinen anderen Weg. Zeitweilig tauchen ein paar besonders hohe Dünen auf, eine neue Herausforderung für die Motorradfahrer. Immer wieder ist eine Düne noch ein paar Meter höher oder noch ein paar Grad steiler als die zuletzt gefahrene. Nur zu dumm, daß ich mit meiner XR die höchsten dieser Gipfel von etwas unterhalb betrachten muß. Obwohl fast mit einem Platten unterwegs und am hinteren Kotflügel sitzend, bekomme ich nicht genug Grip, um den ganzen Hang zu erklimmen. Oh Herr, laß 10 PS vom Himmel fallen!!! Etwas später finden wir viele Holzbalken, von denen wir einige als Feuerholz mitnehmen. Abends am Lagerfeuer gibt es dann eines der heimlich eingeführten 5liter Fäßchen Bier und die Erlebnisse des Tages werden zum besten gegeben. 
Am nächsten Morgen erwarten uns wieder viele Dünenkilometer. Jedoch muß Jürgen ab Mittag im Jeep mitfahren. Seine KTM quittierte den Dienst. Das innere Lager des Kupplungskorbs ist ausgeleiert. Um größere zu vermeiden, wird die Kati auf den LKW geholt. Tja, schmunzele ich: "Schnell ist mein Reiskocher nicht gerade, aber er hält länger". Jürgen jagt jetzt dafür Alexs Jeep über die Dünen, daß dem nun als Beifahrer im Wagen sitzenden Dicken, die Gesichtsfarbe mehrfach abhanden kommt. Etwas später treffen wir sogar auf einen VW-Käfer, mit Straubinger Kennzeichen! Der Fahrer ist überzeugt, die kommenden Dünen mit seinem PS-schwachen Vehikel zu meistern. Die teils überschwemmten Senken der folgenden weiten Ebenen lassen auf heftige Regenfälle der letzten Nacht schließen. Hendrik wagt eine Durchfahrt einer 100m langen, etwa 50cm tiefen Lacke, die mit schlammig braunem Wasser gefüllt ist. Gespannt warten wir alle darauf, daß der L200 stecken bleibt und die beiden Insassen mit dem Leerschöpfen des Innenraums beginnen.
Aber nichts dergleichen passiert. Der Jeep spurt sicher durch den Schlamm und sichtlich stolz grinst der Fahrer auf der anderen Seite des kleinen Sees zu uns herüber. Heute ist unsere letzte Übernachtung in Libyen. Bereits morgen sind wir auf dem Weg an die Grenze nach Tunesien, um dann in eineinhalb Tagen die Fähre in Tunis nach Genua zu erwischen. Beim Einpacken der Motocross-Stiefel rieselt ein kleines Häufchen orange farbener Sand heraus. Ein letzter Gruß der Sahara.
Die restlichen 2000 Kilometer der Heimreise treten wir alle wieder auf vier Rädern an.


Foto: Peter Schlegelmilch

Autor: Christian Frankl