Menschen - Tiere - Sensationen

Enduromania 1/2000

Wohin - Rumänien?!? Bist du verrückt...?! So oder ähnlich wird es jedem ergangen sein, der sich entschloss, an der weitläufigen Orientierungsfahrt mit großem Offroadanteil - der Enduromania - teilzunehmen. Die selbe Frage stelle ich mir jetzt, fernab von der westlichen Konsumgesellschaft, in irgendeinem Tal der Westkarpaten, wenn auch aus einem anderen Grund. Gerd, mein Stammtischbruder; Karl, der Wiener und ich sind auf der Suche nach ein paar Discoverypunkten für unsere Liste, auf der 65 Ziele eingetragen sind. Ein kleiner Junge ist hellauf begeistert, uns den Weg zu zeigen. Nicht nur, weil er ein paar Meter auf einem Motorrad mitfahren kann, sondern weil hier Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft - selbst einer lärmenden Motorradgruppe gegenüber - noch entgegen gebracht wird. Dabei ist es wie selbstverständlich, dass er Viehgatter für uns öffnet und den Rest des Weges bergab rund fünf Kilometer zum gesuchten Dorf in minderwertigem Schuhwerk voranläuft. Egal, wie er wieder zurückkommt. Hauptsache, uns ist geholfen. Diese Erfahrung werden wir im Laufe dieser Woche noch mehrmals machen.

Ausgangspunkt der Reise war das niederbayerische Straubing, in dem sich unser Enduro-Stammtisch befindet. Schon oft hatte ich von der Enduromania gelesen oder gehört, und heuer möchte ich endlich selber hin. Mein Vorschlag, Rumänien anzusteuern, findet zunächst nicht den großen Anklang bei den Bikerfreunden - zu sehr ist dieses Land durch Vorurteile belastet. Doch zumindest Gerd will mich nicht alleine ziehen lassen, und so machen wir uns Anfang Juni zu zweit auf die Socken bzw. Gummis, um an der ersten von insgesamt sechs Veranstaltungen teilzunehmen.
Ca. 1000 km und 15 Stunden später werden wir herzlich vom Wirt Zaharia und dem Veranstalter Sergio Morariu im Stützpunk Borlova bei Carasebes willkommen geheißen. Aus ihren Gesichter lese ich die Sicherheit, dass es uns gefallen wird. Natürlich wird uns auch ein bisschen "Geschichte" zuteil: Die Veranstaltung entspringt, wie uns Sergio aufklärt, aus einem Entwicklungshilfeprojekt, und er hält es für absolut notwendig, die Lockerheit und Flexibilität zu erhalten, die diesen Event prägt.

So bleibt es jedem Team selbst überlassen, wie es die 65 vorgegebenen Orte anfährt, für die es Bonuspunkte gibt. Spezielle Anfahrtsrouten oder neue Wege, sowie außergewöhnliche Leistungen, bringen Zusatzpunkte; noch nicht einmal die Übernachtung oder Rückkehr am Abend ins Basislager ist vorgeschrieben! Wir empfangen noch ein umfangreiches Informationspaket, wo alles zu finden ist, sowie einen genauen Plan, den die Organisatoren selbst aus einer zweck-entfremdeten Wanderkarte erstellt hatten. Abgerechnet wird erst nach vier Wertungstagen. Doch der Wettbewerbscharakter bleibt ein Nebenaspekt inmitten der grandiosen Landschaft und der überwältigenden menschlichen Aufnahme bei den Bewohnern. Eine Region, in der Enduro-Fahrer noch gerne gesehen und nicht zum Teufel gewünscht werden...

Zurück zur Tour: Kurzerhand wird uns Karl, der Endurospezialist aus Wien, zugewiesen. Er ist alleine angereist und die ideale Ergänzung, um ein Team, das aus mindestens 3 Fahrern bestehen muss, zu komplettieren. Und das nicht nur wegen seines GPS, von dem wir später noch mehr hören werden... Karl war schon öfter in den Karpaten, aber auch er nimmt zum ersten Mal an dieser Veranstaltung teil.
Da der Sonntag noch kein Wertungstag ist, gilt es, sich in dem Tarcugebirge - praktisch vor der Haustüre - einzufahren.

Anspruchsvolles Terrain in allen Schwierigkeitsgraden

Schnell gewinnen wir Freunde; überwiegend "Wiederholungstäter", die uns gleich ein paar Schmankerl aus dem Hut zaubern: Stefan, der Honda - Reiter, meint es fast ein bisschen zu gut mit mir, da der gezeigte Telecaun (Skilift) nicht von Pappe ist und ich zu spät erkenne, dass die anderen eine Umfahrung nehmen. Trotzdem weiß ich so innerhalb kürzester Zeit, was hier an Enduro - Fahrkönnen aufgeboten werden muss ...so gut wie alles!
Fast ist für Stefan an diesem Tag die Woche schon vorbei, da er auf einer Sandstrecke in speedwayartiger Manier versucht, den Abstand zum Verfolger zu erhöhen. Dies gelingt ihm auch, bis dieser die Staubwolke seines Kontrahenten nicht mehr auf der Strasse, sondern im Gebüsch entdeckt.


Gottlob ist die Natur gnädig gestimmt und bietet dem Glücklosen einen Notausgang
zwischen zwei Bäumen an. Ein schmales Motorrad passt halbwegs hindurch und der Heißsporn kommt mit dem Schrecken und verletzter Ehre, der Baum allerdings mit abgeschälter Rinde davon.
Beim abendlichen Begrüßungswort durch Sergio wundere ich mich, wie viele zum wiederholten Male die weite Anreise auf sich genommen haben, um hier teilzunehmen. Die Mehrzahl kommt aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus der Schweiz, Österreich, Tschechien und natürlich dem Gastgeberland sind Teams vertreten. Bei diesen Trupps wähne ich einen gewissen Heimvorteil, doch das Gebiet ist so weitläufig, dass man sich schon sein bestes Stück wund sitzen müsste, um alle Punkte zu erreichen. Auch wir werden unsere Titelambitionen diesbezüglich noch öfter korrigieren müssen...


Der erste Tag bietet Kaiserwetter auf, so dass wir uns kurzerhand entschließen, mit zwei anderen Teams den 2180 m hohen Tarcu zu nehmen. Natürlich - so die "Erfahrenen" - nicht auf regulärem Weg, sondern von Süden über eine Hillclimbing - Route. Reinhold, ein Deutsch-Rumäne, leistet hier Hilfestellung, da er die Anfahrt schon öfter unternommen hat. Nicht leicht zu finden und schon gar nicht im Handstreich durchzuführen. Rachau lässt grüßen, als eine Horde donnernder Einzylinder den noch von Schneefeldern bedeckten Berg zu unterwerfen versucht. Meine Husaberg ächzt mit den letzten Reserven aufgrund der schlechten Vergaserabstimmung. Anderen geht es auch nicht besser. Zwar passt das Equipment, doch einige Hängenbleiber und gegenseitige Hilfestellung sind unumgänglich. Stolz holen wir unseren ersten Stempel ab und lassen uns die Anfahrtsroute vom Gipfelbewohner, der eine Wetterstation bedient, vermerken. Somit erhalten wir noch sogenannte Discoverypunkte. Der Berg fordert trotzdem seinen Tribut: Jürgen, ein erfahrener Enduromanic, verdreht sich das Knie und verbringt den Rest der Woche mit Salbungen - von innen und außen, versteht sich...

Auf dem Muntele Mic , Zaharias Hausberg, erzählt uns der deutschsprachige Wirt (seine Frau brutzelt derweil ein köstliches Omelett für uns), dass Wölfe und Bären hier keine Seltenheit sind. Erst neulich beobachtete er ein Rudel Wölfe von mindestens 20 Stück. Ob ich die Funktionsweise meines Pfeffersprays einmal an mir selbst ausprobieren sollte? Ich komme nicht dazu, denn die erfrischende selbstgemachte Limonade aus Zitronen vertreibt mir die unschönen Gedanken.

Viel Zeit für liebenswerte Menschen und üppige Natur

Gern nehmen wir bei der Abfahrt noch einige Anfahrtspunkte als "Wegzehrung" mit. Besonders die kleinen idyllischen Dörfer entlang der Strecke sind es, durch die man nicht einfach hindurchreisen und nur Wert auf einen Stempel legen darf. Buntes Treiben auf den ungeteerten Wegen, im Fluss waschende Frauen und Tiere aller Gattungen in den Gassen laden zum Stopp ein, um das Auge bei einer Tasse Kaffee schweifen zu lassen. Kinderscharen freuen sich über den unerwarteten Besuch und versuchen, durch Anfassen und Winken auf sich aufmerksam zu machen. Das ganze Dorf und die umliegende Wälder sind ihr Spielzimmer und man hat den Eindruck, dass es ihnen an nichts mangelt. Leider täuscht das aber über die Tatsache hinweg, dass es oft am Nötigsten fehlt - und wenn es nur ein Paar Schuhe sind... Darauf hinzuweisen ist sicher der Grund unserer Schnitzeljagd, sinniere ich vor mich hin, denn manche Orte kann man nicht beschreiben, die muss man gesehen haben ...

Abends tischt Zaharias Frau Spezialitäten der rumänischen Küche auf, dass es eine wahre Freude ist. Begleitet von einer Karaffe Wein lassen wir den Tag noch einmal vorbeiziehen und setzten die Ziele für den nächsten.
Immer wieder kommt noch spät abends ein Trupp zurück, der vermutlich auf Punktejagd war oder eine Panne erlitten hat. Kopfschüttelnd betrachte ich deren Hereinschneien und erinnere mich an die Worte meines Reiseführers: "Nicht bei Dunkelheit fahren!". Mit völligem Unverständnis über diese schlechte Logistik der anderen Teams schlüpfe ich in meinen Schlafsack und träume von einem unwirklichen Land, in dem Motorradfahren über Wald und Wiesen noch nicht von der Todesstrafe bedroht ist.
Der nächste Morgen zeigt sich regnerisch und unwirtlich, so dass ein Team in ein Thermalbad fährt und die Punktejagd den anderen überlässt. Dieser Gedanke des "Urlaubswettbewerbs" scheint auch bei mir schon zu greifen, als ich mich beim Überlegen ertappe, ob es besser wäre, mitzufahren. Doch mein Hard-Enduro-Ego lässt das natürlich nicht zu. Aufgesattelt und in die Berge!

Eine Stunde später stehen wir auf einer Lichtung und suchen krampfhaft im Nebel mit Sichtweite um die 20 m nach dem Weg. Hier kommt uns Karls GPS zu Hilfe und zeigt beharrlich auf eine steile Flussabfahrt, in der Bäume im Format "Godzilla" liegen. Nichts zu machen... Nach der fünften Runde auf dieser Alm denke ich wieder an das Thermalbad... Irgendwann, als ich mich mit dem Ableben fernab von meinen Lieben abgefunden habe, sehen wir im Nebel eine Hütte mit einem Hackstock davor. Ein Hirte mit seinem Bub kommt herausgekrochen und bietet wie selbstverständlich seine Hilfe an. Da die Wegbeschreibungen sehr global gehalten waren und unser GPS im Wald nicht funktioniert, wird der Knabe eingeladen, uns zu begleiten.

Innerhalb von zehn Minuten sind wir auf dem richtigen Weg und unser "Lederstrumpf" um eine Schachtel Zigaretten reicher. Ich überlege, wie viele Schachteln vom Wert her in ein GPS gehen...?
Wie mir andere Teilnehmer dann im Lager berichten, hatte das pfiffige Bürschchen eine Marktlücke entdeckt und auch der Konkurrenz das "Licht im Dunkeln" gezeigt. Möge er mit seinem Vater qualmen, was das Zeug hält... Kein Wunder, dass der Nebel so dicht war!

Talwärts treffen wir bei Brebu Nou auf einen lustigen Gesellen, der uns in perfektem Waidlerisch (Tief-hinten-in-Bayern - Slang) begrüßt. Sind wir so weit vom Kurs abgekommen? Der Mittvierziger klärt uns auf, dass er aus einer deutschen Siedlung stammt und beim Sturz Ceausescus drei Jahre in Cham sein Bayerisch perfektionierte. In Rumänien sei er eigentlich immer Deutscher gewesen, aber in Deutschland wird er wie ein Ausländer behandelt – komisch sei das schon für ihn. Deutsch wird hier auch in den Schulen gelehrt, und daher ist das Auffinden eines heimat-sprachlichen Kommunikationspartners keine Seltenheit.
Wegen des Wetters versuchen wir nun etwas niedere Ziele anzufahren. Darunter ist die Wittmannshütte, bei der Karl schon öfter untergebracht war und wo weitere Veranstaltungen der Enduromania stattfinden. Wie ein Pferd, das auf dem Nachhauseweg ist, erhöht er die Schlagzahl und bald wissen wir warum. Der Gastwirtschaftler Wittmann hat sich hier eine wunderbare Pension errichtet und lässt durch sehr interessante Bedienungen Köstlichkeiten auftischen. Er erzählt uns von Bauprojekten der Rumänischen Regierung, die immer wieder verschoben werden, weil der Geldhahn versiegt, so dass vor seiner Tür zwar schon einige Jahre ein Stausee geplant, aber nur eine Baustelle zu sehen ist. Mit Karl schwelgt er so in Erinnerungen an frühere Treffen, dass wir darüber die Zeit vollkommen vergessen. Unser Führer beruhigt uns damit, dass wir einen "Abschneider" fahren könnten. Natürlich nach GPS. Wir finden auch sofort einen Weg, der geeignet erscheint, in das erwünschte Tal zu gelangen. Leider ein Trugschluss. Immer steiler mit verschiedenstem Untergrund führt der Laub dekorierte Kammweg auf eine Alm. Gerd, der im Hochgebirge noch keine Enduroerfahrung sammeln konnte, legt hier seine Meisterprüfung ab und stellt fest, dass es zuweilen vonnöten sein kann, schonungslos gegen sich (Schulter) oder Maschine (Lenker) zu sein, um in den Genuss eines solchen Panoramas zu kommen.

Von Pannenhilfe und tierischen Erlebnissen

Die Sonne ist gerade am Untergehen, als wir den Anblick von Muntele Mic und Tarcu auf uns wirken lassen. Nur noch kurz die GPS-Daten notiert, dann begeben wir uns auf die Abfahrt. Was eben noch buntes Farbenspiel, wird im Wald zum "Neger im Tunnel". Wir haben größte Mühe, die Schwierigkeiten des markierten Wanderweges zu erkennen, denn unterhalb der Baumgrenze ist es bereits Nacht. Mein Reiseführer mit seinen gutgemeinten Ratschlägen lässt wieder einmal grüssen, doch im Stützpunkt sind wir noch lange nicht.
An einer Bushaltestelle in Caransebes steht ein Teilnehmer aus Hildesheim mit seiner hinterreifenkastrierten KTM. Im Laufe des Tages haben sie bereits einen Teamgefährten durch technischen K.O. eingebüßt, und sein anderer Kumpel holt gerade Schlauchersatz bei einem Reifenhändler. Bei der Montage hatten sie den Schlauch zweimal gezwickt...

Da er bei Dunkelheit von einer Vielzahl dubioser Gestalten umzingelt wird, entschließen wir uns zum seelischen Beistand. Bald sind wir Anlaufpunkt der Jugendlichen und Säufer dieser Stadt und ich zweifle langsam daran, dass mein Pfefferspray für alle genügt. Natürlich will uns keiner was zuleide, somit nutze ich die Gelegenheit, ein paar frühreife Zigeunergören als Fotomodell zu benutzen. Diese legen eine erstaunliche Professionalität vor der Kamera ab, um mir dann zu eröffnen, dass sie mit nach Deutschland wollten. Sehr unbequem auf einer Husaberg, wie ich finde... Endlich ist der Reifen wieder montiert, und wir könnten uns aus dem Staub machen, wenn nicht... ja - der Karl nach 20 m einen Platten hätte.

Ich verweise nur kurz auf die Hinweise einer Nachtfahrt über die rumänischen Strassen... Mittlerweile sind die Zeiger auf 21.30 Uhr, als uns unser österreichische Halbprofi zeigt, wie ein Schlauch gewechselt wird. Kunststück - Karl fuhr früher österreichische Meisterschaft und sogar EM- Läufe. Eine Zigarettenlänge später treten wir die Heimreise an und ich sehe nur noch die anderen Teilnehmer unverständlich mit dem Kopf schütteln, als wir nach 22 Uhr und 250 Offroad Kilometern das Lager erreichen. Ich kann mir vorstellen, was sie denken....


Neuer Tag, neues Glück. Die Gewissheit von einigen Zigarettenschachteln im Gepäck gibt das gute Gefühl, heute nichts verkehrt zu machen. Wir wollen uns auf die "sicheren" Wege beschränken, können es aber wegen der Vielzahl von Möglichkeiten nicht lassen, auf Karls "Abkürzungen" einzugehen. Wir kommen trotzdem gut voran, und dies sollte uns am Ende noch einige Discoverypunkte einbringen. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die an Freundlichkeit kaum noch zu überbieten sind und selbst Nachrichten wie die eines Huskytreibers, der mit seiner Havarie von barfüssigen Leuten den halben Berg hochgeschoben wurde und nur schwer verständlich machen konnte, wann es genug ist, überrascht bald niemanden mehr. Einzig die Hunde der Hirten haben ihre Probleme, die knatternden Metallbären von einem bepelzten Original zu unterscheiden. Mutig stellen sie den Eindringling, auch wenn der manchmal dem treuen Freund des Menschen nicht mehr ausweichen kann. (Sorry an den Hirten, aber der Hund hat`s überlebt). Immer wieder kommt es zu atemberaubenden Verfolgungsjagden, bei denen nicht unbedingt die Motorisierten als Sieger hervorgehen...
Gestärkt durch das reichliche Frühstück, wollen wir es am letzten Wertungstag noch einmal wissen und legten uns eine Punkteroute zurecht. Diese wird bei Kilometer 40 von einem Plattfuss in Gerds Hinterreifen gebremst. Ein sinnloses Reifenreparaturspray rettet uns in das Dorf Ilova, in dem ca. 15 "Experten" zusammenlaufen. Manche Kinder sind so aufdringlich darauf bedacht, möglichst nahe am Ort des Geschehens zu sein, dass wir Bedenken haben, nicht aus Versehen eines von ihnen mit in den Mantel zu montieren. Da wir aber einen Schlauch unter diesen Gefechtsbedingungen vernichten und der Stopp länger dauert als erwartet, streiten sie dann lieber um unsere Helme. Die älteren Balge dürfen sie aufsetzen, was die jüngeren veranlasst, so herzzerreißend zu heulen, bis ich den bitteren Entschluss fasse, mich von meiner Haribo–Auslese-Tüte zu trennen. Jetzt ist die Heulsuse König für einen Tag, stellt sofort den Wasserbetrieb ein und die anderen müssen bei ihm nun betteln gehen, um auch ein paar Gaumenfreuden zu erhaschen.
Nach dieser Plackerei braucht uns Karl nicht lange zu bitten, wieder bei Wittmann`s vorbeizuschauen. Unser Austriamann ist in diesem Areal zuhause und zaubert noch einige Schmankerl unter die Räder. Die Möglichkeiten hierbei sind kaum zu überblicken. Hohlweg reiht sich an Steilabfahrt, und zwar in einer Vielzahl, dass es schwierig wird, sein eigentliches Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren. Wohlverdient lassen wir uns die Kuchen schmecken, und Gerd kann sich nicht aufraffen, noch einen Punkt anzufahren. Zu sehr ist er damit beschäftigt das Treiben in Frau Wittmanns Küche zu beobachten. ....Die Bedienungen hatte ich zu einem früheren Zeitpunkt schon erwähnt...

Als sich unser Team am Abend zur Besprechung auf ein Pils zusammensetzt, dokumentieren wir Karls "Shortcut" (das bedeutete rund zwei Stunden länger) und sind, obwohl der Competition - Gedanke etwas bei den erlebten Eindrücken untergegangen ist, doch recht zufrieden mit unserer Liste. An diesem Abend kommen auch die Outdoorteams zurück, wie die Schweizer, die eigentlich immer mit dem Schlafsack unterwegs waren und verschiedene Unterkünfte hatten. Darunter bärenzaungesicherte Schuppen sowie Luxusabsteigen a la Wittmannshütte. Letzteres schien Gerd sehr vernünftig.

Beeindruckende Erfolge in mehrfacher Hinsicht

Da Sergio den ganzen Freitag zur Auswertung der Ergebnisse braucht, fusionieren wir noch einmal mit Stefan, Reinhold und den anderen, um noch etwas von dem unbekannten Gelände kennenzulernen oder ein paar Fotos zu schießen. Die geschundenen Maschinen quittieren den Wochenbetrieb noch einmal durch verschiedene Macken, und unterschiedliche "Werksfahrer" sind sich einig, dass diese Teile wirklich nur für 4 Tage gebaut sind. Alte Jawafahrer beweisen zwar immer wieder das Gegenteil, doch Markenfetisch war schon immer eine Glaubensfrage.
Bei Einbruch der Dunkelheit treffen sich alle zur Siegerehrung. Wir sind nicht schlecht erstaunt, als wir beim Lagerfeuer am Festabend den dritten Platz erreicht haben und die Bronzemedaille an unserer Brust hängt. Dieses Ding sollte uns sogar später, man glaubt es nicht, gut platziert den Grenzübergang erleichtern.

Es gilt hinzuzufügen, dass eine gut organisierter Truppe gewann, die doppelt so viele Punkte einfuhr wie wir, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, trotzdem Sieger zu sein.

Es war mehr als ein Erlebnis:

- all die Menschen, bei denen die Armut gleichzusetzen ist mit unglaublicher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die nicht selten uns Wohlstandskindern eine Ohrfeige erteilt,

- der Artenreichtum an wildlebenden sowie gehaltenen Tieren, die äußerst selten in ihrer Bewegungsfreiheit durch Zäune eingegrenzt sind und denen Massentierhaltung ein Fremdwort ist,

- und die sensationelle Organisation von Sergio und seinen Helfern, die auf die Wünsche der Teilnehmer immer eingehen und bestrebt sind, das Konzept der Enduromania ständig zu verbessern, damit auch ihr Land vom Tourismus profitiert.

Man fährt aus Rumänien heraus, als würde man den Zirkus nach einer Vorstellung verlassen. Fast wie ein Trugbild hat man beim Heimweg auf der stupiden Autobahn die winkenden Kinder auf den Pferdefuhrwerken in Erinnerung. Die Eindrücke wirken noch lange nach und halten den Wunsch am Leben, wieder einmal so etwas anzuschauen - eben Menschen, Tiere, Sensationen.

 

 

Autor: Christian Hänsel