Widi´s Gastseite beim Enduro-Stammtisch Straubing

 

Der Pöbel will mich fressen...

„90% unseres Schweißes ist pure Angst!“

 

Dieser Satz zauberte ein lautes Lachen in unsere dreckverschmierten Gesichter und sorgte nach einer saftigen Steilauffahrt für eine angenehme Entspannung in unseren verkrampften Gesichtern. Ich persönlich tippe ja auf 100% puren, stinkenden Angstschweiß.

La decisione ( Die Entscheidung)

Aber alles von Anfang an. Eines Sonntagmorgens im Jahre des Herren 2006 schleppte  mich mein Schwager auf die INTERMOT nach München. Ducatis und Boxenluder anschauen. Schon auf dem Weg zur Halle entdeckte ich einen gammeligen beigefarben gerollerten Landy der stilgerecht auf einen Kieshaufen geparkt war. Nachdem ich das coole Gerät mal rundum besichtigt hatte, entdeckte ich die Aufschrift: www.Toskanatours.net. Was machen die genau? Fresstouren für dicke BMW-GS Fahrer ab 50? Oder karren sie scharenweise Engländer in grauer Kleidung und Nikeschuhen durch diesen schönen Teil Italiens? Keine Ahnung. Aber am Ende des Tages hatte ich einen interessanten Flyer in der Hand, der mir die genaue Tätigkeit beschrieb: Endurotouren im Appenin für Sportmopeds oder sanfte Schottertouren für Genießer. Letzteres gab eigentlich bei mir den Ausschlag zur Buchung. Ein wenig Feldweg- und Schotterfahren, mal die eine oder andere happige Steilauf- bzw. abfahrt und den Großteil des Tages alte Villen und Rusticos (Steinhaufen) anschauen. Einen kleinen Cafe hier, einen kleinen Brunello dort und abends stundenlang essen, um sich dann ohne Übergang besinnungslos zu besaufen.
Irrtum Nr. 1

Alle Wahnsinnigen wurden per Mail informiert.
Zwei mögliche Kandidaten ziehen es seit Jahren vor, ihre mit Ellbogenhaut überzogenen Familienjuwelen nur noch auf belüftete Rennradsattel zu pressen. Ausgeschieden! Ein anderer restauriert Zuhälterautos der 80’er oder deprimiert 16-jährige Computerkids mit seiner Rundenzeit auf der Nordschleife via Playstation. Auch ausgeschieden!
Alle weiteren bauen derzeit Häuser, zeugen Kinder oder führen gerade Krieg.
Und dennoch: Aufgrund des günstigen Wochenpreises von 340,- € fanden sich unerwartet schnell zwei alte Mitstreiter. Michael A. (Sepp) und Thomas H. (Henna).
Giu“sepp“e, 35 Lenze, verheiratet, zwei anerkannte Kinder, ist ein begnadeter Endurofahrer. Gebt ihm eine GSX-R und er fährt trotzdem damit in die Kiesgrube. Das durften auch seine Jugendlieben erfahren, denn Giuseppe hält seit Jahren den Rekord im „Hübsche-Damen-in-Kiesgruben-deflorieren“. Henna, Papa eines kleinen hübschen Wikingers Namens Paul und devoter Putzsklave einer netten Dänin kann man sich bildlich am besten wie Fernandel, oder besser bekannt unter dem Namen Don Camillo vorstellen.  Mit seinem 1,90 m Größe, seiner rohen Gewalt, seinen tellergroßen Händen und jahrelanger Enduropraxis kommt er überall rauf und runter. Zwei wie Pech und Schwefel!

   
Unglücklicherweise sind beide Chaoten auch noch in der gleichen Firma beschäftigt. Sehr zum Leidwesen aller EDV-Profis, die wochenlang damit beschäftigt sind die Internetviren der Pornoseiten wieder zu beseitigen. (Tja Jungs, meine Rache ist das Wort!! Ich habe euer Grinsen gesehen, als mein Puls nach der Steilauffahrt bei 190 Schlägen war und keine Anstalten machte sich zu senken!!!!)
Und dann folgte etwas Unglaubliches: Nach 5 Jahren Mopedurlaubspause wurden innerhalb von nur einer Woche die Frauen, Kinder und Vorgesetzten von der Notwendigkeit der Reise für den Weltfrieden überzeugt und wir buchten.

Ich konnte es nicht fassen!
Endlich geht mal wieder ein Moped-lach-sauf-Urlaub zusammen!
Sepp, der ja immer noch seiner alten aber ungeheuer zuverlässigen TT 600 treu ist, durfte sich monatelang Witzeleien anhören, dass er aufgrund des derzeit hohen Stahlpreises in Verbindung mit seinem Fahrzeuggewicht eigentlich Millionär sein müsste. Henna trat mit einer KTM 400 SXC an, welcher der örtliche KTM-Dealer mehrmals ein H-Kennzeichen (Oldtimerzulassung) empfahl. Diesen Hinweis verband er wohl eher mit dem Wunsch eines möglichen Neukaufes einer 450 EXC, die als Ladenhüter bei ihm rumsteht. Ich vercheckte meine Wald- und Wiesen- DR 350 nach Slowenien und ersteigerte mir bei
E-Bay eine KTM 250 EXC (Viertakt/02) mit Damenknöpfchen. E-Starter ist schwul! Ja, ich weiß. Den Spruch hab ich selber erfunden und hunderttausendmal verachtend gesagt. Aber wer ihn einmal hat der würde nicht mal verzichten, selbst wenn er dafür ein rosa Fahrerhemd mit Rüschen und High-Heels tragen müsste. Ich war der festen Überzeugung, dass man fehlende Fahrpraxis zumindest ein wenig durch Topmaterial ausgleichen kann.
2. Irrtum

Wir buchten für Mitte Oktober, was sich witterungstechnisch als perfekt herausstellte. Zum Fahren (Schieben, Schleifen, Tragen, Baden, Zerren, Trinken…) nicht zu heiß, geringes Regenrisiko und ideal um noch einmal „Bella Italia“ zu schnuppern. Einziger Nachteil: Es wird ab 18.30 Uhr dunkel.

il arrivo (Die Ankunft)

Nach 8 Stunden Autofahrt mit Anhänger erreichten wir südöstlich von Florenz die Stadt Arezzo. Von da ab war es nicht mehr weit bis zu einem kleine Örtchen nahe der umbrischen Grenze. Bewusst werde ich nur wenig Orte nennen, da es ein traumhaftes und unheimlich endurotolerantes Gebiet war, in dem wir fahren durften. Unser Guide verstand es perfekt, die Bewohner der Orte, die Jäger und Pilzesammler positiv auf die Endurofahrer seiner Gruppe zu polen und so soll es auch in Zukunft bleiben.
Als Treffpunkt wurde uns eine Bar (wie blöd!) genannt, von der aus wir dann für 9 km bis zur Unterkunft 45 Minuten brauchen sollten. 45 Minuten für 9 km? Das sollte eigentlich schon die grauen Zellen anregen. Angekommen in der Bar regte etwas anderes die grauen Zellen an. Neben der örtlichen Mafia und einigen kleingewachsenen Jugendlichen in Ausgehuniform (Jogginganzug!) standen dort zwei der wunderbarsten Geschöpfe die Adam nach Eva aus seinen Rippen geschnitten bekam. Frau Supergeil und Frau Nurnochgeil. Und schon kamen die ersten erotischen Gedanken an die Mitteilnehmer auf. Sepp glaubte sich zu erinnern, er hätte einen Damennamen mit Schweizer Domain in unseren Infomails vom Veranstalter gelesen. Würden vielleicht Frauen mit uns die nächste Woche im Schlamm wühlen, uns bekochen oder ganz einfach: Uns dienen! Schon sabberten die Beiden den Tisch voll und ihr Körper saugte vehement das gesamte Blut aus ihren Gliedmaßen, um es im Großhirn (zwischen den Beinen) zu platzieren. Ruckzuck erfanden wir ein Drehbuch, dessen Verfilmung der Gipfel aller Pornofilme wäre. Wir würden smokinggeschmückt den Porno-Oskar direkt von Gina Wild überreicht bekommen. Henna hilft einer nymphomanen Schweizerin in engem halboffenem Lederkostüm beim Kettenschmieren mit Vaseline (?!). Als sie sich bückt, platzt auch der letzte Knopf des viel zu engen Oberteiles. Upps! Zwei überzeugende Argumente fallen heraus. Sie haucht leicht lechzend um weitere Hilfe. Und dann ... den Rest könnt Ihr euch ja denken. Seppl wird von nymphomanen Holzarbeiterinnen als Sexsklave entführt bis er einer der Waldbienen die Ehe verspricht. Gemeinsam brechen sie mit seiner Edel-Enduro aus dem Verlies aus. Bei einer Steilauffahrt hilft Seppl immer noch in Leder gekleidet seiner Retterin beim Schieben und wie durch ein Wunder fällt das Bike so dumm um, das sie beide aufeinander liegen. Erst wälzen sie sich hilflos im Schlamm bis - wie durch ein Wunder - der Reißverschluss des hautengen Endurokostüms von Gucci aufgeht und sie sich dann ihrer Leidenschaft hingeben. Auch blöd oder? (Entwirft Gucci eigentlich auch einteilige Enduroklamotten für Damen? Das wäre doch mal was!)

Logischerweise wurden Frau Supergeil und Frau Nurnochgeil gedanklich und wild gestikulierend  in unser neues Filmprojekt miteinbezogen. Dem ernsten Gesichtsausdruck den sie uns beim Bestellen von drei weiteren Bieren entgegenschleuderten, war zu entnehmen, dass die beiden Damen von unserem Vorhaben einiges verstanden hatten.

il equipaggio (Die Mannschaft)

Plötzlich fuhr ein Kombi mit zwei KTMs auf dem Hänger vor und man konnte schon von weitem sehen wie unsere dreckigen Gedankenblasen platzten. Es waren zwei Typen. Nichts mit Pornodreh und Spaß auf dem Bärenfell – Scheiße! „Gott sei Dank bleiben ja immer noch Wildschweine, Hühner oder Astlöcher, falls die zwei ihren Sexualtrieb nicht in Griff bekommen!“, dachte ich mir. Thomas und Jens aus Jena waren zwei unserer Mitstreiter für die nächste Woche. Als uns dann ein hochdeutschfreies „Gudn Taaaach!“ gegen das Trommelfell krachte, durchfuhr es mich: „Scheisssee – Sachsn!“

Bayern und Sachsen haben ja nicht nur unterschiedliche Verständigungslaute; auch die Mentalität – so sagt man - sei unterschiedlich. Ich sollte mich gewaltig täuschen! Zwei absolut nette Menschen. Thomas, ein ruhiger ausgeglichener Kerl, der alles was er anfasste mit Überlegung und Perfektion tat. Das galt für Mopedfahren genauso wie fürs Schrauben oder Abspülen. Jens war nach dem Urlaub derjenige, der sich den meisten Respekt bei allen eingefahren hat. Eine alte Kick LC4 die KTM, die sich zu Recht die Übersetzung Kick Tausend Mal eingebracht hat. Er war bei fast allen Touren mit den Wahnsinnigen dabei, schraubte morgens und abends an seinem Bike und fuhr trotz einer Beinverletzung noch mit uns herum. Ein zäher Bursche, der sich durch nichts seinen Urlaub vermiesen lassen wollte. Was ist schon ein Bänderriss gegen ein paar Fahrtage in Italien?

Jürgen (intern "Olivia" genannt)    Thomas und Jens aus Jena.

Als nächster gesellte sich Jürgen (intern „Olivia“ genannt) aus dem Bodenseebereich zu uns. Über den gibt es später noch einiges zu berichten. Letzter in der Runde war dann Holger aus dem Ruhrpott. Ein ganz angenehmer Spaßgeselle. Sympathisches Lachen, offene Art und sehr hilfsbereit wenn’s ums Schieben oder Warten geht. Einfach zu gut für diese Welt. Zumindest für uns! Auf alle Fälle war es ein witziges und nettes Team das sich zusammen gefunden hatte, und es versprach eine Menge Fun.
Am frühen Abend kam dann pünktlich Klaus samt
Landy und Hänger angedieselt. Er sollte auch unser Guide für die nächste Woche sein. Sozusagen der Master of Desaster. Klaus kehrte vor vielen Jahren Deutschland den Rücken, um in wärmeren Gefilden Fotokurse in der Toskana anzubieten. Er kaufte sich einen Steinhaufen auf 900 m Höhe mit 17 Zimmern und restauriert das Haus bereits seit zehn Jahren sehr einfach aber stilvoll. Zwischendurch sorgte er für Baukohle, indem er im Appeningebirge mit Eingeborenen hundertjährige Eichen und Buchen fällte. Daher kannte er Wege, welche selbst die hemmungslosesten Naturschutzgebietsenduristen nie finden werden. Einer der entscheidenden Gründe warum wir den Trip buchten war auch die Tatsache, dass Klaus ausgebildeter Rettungssanitäter ist. Somit bestand nicht nur die Hoffnung, abends seinen Morphiumschrank zu plündern oder ein kleines Opiumpfeifchen zu rauchen, sondern auch die Sicherheit, dass für den Verletzungsfall ein Profi vorhanden ist, der dem betrunkenen italienischen Chirurgen wenigstens die Amputation des richtigen Beines übersetzen kann. Klaus, geschätzte fast vierzig, schaut mit seinen leicht gekappten Schneidezähnen und seinen trainierten Körper aus als würde er immer noch im Wald arbeiten und in der Pause den Kopf seiner Weinflasche immer abbeißen. Er hat einen tiefschwarzen sympathischen Humor und ist ständig auf der Suche nach Opfern, an denen er seine mangelnde OP- Praxis als Rettungssani verbessern könnte.

Die "Straße" zu unserem Haus

Nun genug der Vorstellung und der Rache!
Es pisste mittlerweile aus allen Wolken, Frau Nurnochgeil hatte Schichtende, Frau Supergeil klebte gerade Hennas Schamhaare die er nach 5 Bierchen in der Toilette verloren hatte auf eine Voodoopuppe und die Mafia erhielt wieder die fällige Monatsabgabe. Klaus erklärte uns, dass wir ihm die ersten Kilometer der Schotterstraße zum Haus nachfahren und dann aufgrund unserer Hänger und der mangelnden Bodenfreiheit unserer Pampersbomber an einem freien Platz halten um das Gepäck in den Landy zu werfen. Weiter zum Refugium geht es wirklich nur noch mit Landy und Enduros. Mopeds vom Hänger, Packtaschen in den Landy und ab aufs Bike. Und schon hatten wir die erste ungeplante Enduroeinlage. Mit Jeans, Turnschuhen und literweise Adrenalin gemischt mit Bier. Die letzten 5 Kilometer zum Haus sind für Mopeds schon nett zu fahren, aber mit einem Geländewagen samt Anhänger und 20 m² Terrassenplatten schon eine satte Herausforderung. Felskanten, knietiefe Fahrrinnen, Steinbrocken und richtig schlammige und tiefe Pfützen. Absolut spaßig! Klaus beschrieb uns den Weg und schickte uns voraus, um vorher noch einen der 200 wahnsinnigen Pilzesammler samt seinem Fiat Panda abzuschleppen. Italienische Pilzesammler sind einfach nur krank. Sie fahren mit ihren Fiat Pandas und Unos Wald-, Schotter- und Felswege auf denen sich deutsche Wanderer nicht einmal zu Fuß plagen würden. Zudem besitzen sie die Gabe, sich in kilometerweiten Abständen zu verteilen um sich dann über Gott und die Welt schreiend zu unterhalten. Es ist nicht überraschend, wenn aus dem Tal ein trommelfellverachtendes: „Maaaaaaaaaaaassssssiiiiiimmmmooo“ kommt das dann oben auf der Bergkuppe mit einem ebenso lauten: Eyyyyyyy Giaaaaaaaaaannnniii“ beantwortet wird. Ich wusste ja schon immer, dass „Flüsterpost“ nie ein Spiel der italienischen Kinder war. Aber so schreien und das auch noch stundenlang, das schaffen fast nur die Nachfolger der Etrusker. (Ausnahme: Mullahs, die die falschen Karikaturen in Dänischen Zeitungen gelesen haben!)

Pissnass und schlammversifft aber mit einem guten Vorgeschmack auf die nächsten Fahrtage kamen wir in unserem Domizil an.

Unser Hauptquartier.    Der Stall für unsere österreichischen und japanischen Streitrösser.

La Casa (Die Hütte)

Eine größere Lichtung am Ende des Geröllweges gab den Blick auf dieses schöne und teilweise im Hang integrierte Haus frei. Eine offene aber überdachte Scheune war der Stall für unsere österreichischen und japanischen Streitrösser. Zugleich war es auch eine gut eingerichtete Werkstatt, welche die meisten von uns von Zeit zu Zeit testen durften. Das Haus ist idealtypisch für alte toskanische Bauernhäuser. Am Anfang gab es einen kleinen quadratischen Grundriss und einen Stall. Da jedoch die Italiener zu dieser Zeit noch auf Teufel komm raus poppten, musste jeden Sommer wieder angebaut werden. Massive Natursteinmauern, Ziegeldecken Ziegelböden, gestützt durch rustikale Eichenbalken und ein wunderbarer offener Kamin strahlen eine unglaubliche Gemütlichkeit aus. Das Haus stand 30 Jahre leer, bevor Klaus und seine Freundin es kauften und behutsam restaurierten. Zu diesem Zeitpunkt konnte man das gesamte Dorf in diesen verlassenen Bergen für 300.000,- EUR erwerben. Zusätzlich 500.000,- EUR wären aber mindestens nötig, um eine Straße samt Wasser- und Stromanschluss dorthin zu bauen. Der nächste Nachbar ist 2 Kilometer entfernt. Strom wurde bereits vor zwei Jahren beantragt und wird vielleicht in 10 Jahren gelegt, Wasser kommt direkt aus der Quelle und läuft nur etwas farblich verändert den Berg wieder runter. Und nun der Hauptgrund warum ein Italiener niemals dieses wunderbare Anwesen kaufen würde: ES GIBT KEIN HANDYNETZ!
Gegen dieses Haus sind alle rustikalen Skihütten in den Alpen spießige Yuppie-Appartements!

la mangiare (Das Futtern)

Als Klaus endlich den offenen Kamin anheizte, saftige Steaks und einheimische Grillwürste aus seinem Landy hervor zauberte, gab es nur noch eine Frage zu klären bevor es ein genialer Abend würde. Wo gibt’s Wein oder Bier? Als ich Klaus nach seinem Weinkeller oder seiner Hausbrauerei fragte, meinte dieser völlig ernst: „Ich hab nur eine Flasche Wein für alle eingekauft!“ „Scheiß Laden“, dachte ich gerade noch zu Ende, als er zur Fensternische zeigte. „Aber die Flasche hat nur 35 Liter Inhalt!“, ergänzte er mit einem kleinen Augenzwinkern. Ein leckeres leichtes Tröpfchen, frisch aus dem Keller des Nachbarn mit einem leckeren Stück Wildschweinsalami als Beilage.
Ein kleines Gläschen vom Roten und dann teilten wir die Zimmer auf. Henna und Sepp, ohne Ihre Frauen immer leicht homosexuell veranlagt, zögerten nicht lange und belegten ihre Liebeshölle direkt neben dem Ess- und Trinkraum. Das Zimmer war eine gelungene Mischung aus dem Kerker des Grafen von Monte Christo und einem modernen SM- Studio. Am Ende der Woche konnte man geruchsbedingt das Zimmer nur noch zumauern. Unsere Mitstreiter aus Jena, Holgi und ich belegten die offenen Schlafnischen des Anbaus, in dem sich auch die Küche und das Bad befanden. Jürgen zog in ein witziges freistehendes kleines Gästehaus ein. Urgemütlich, rustikal, schlicht und dennoch alles vorhanden.
Fast hätte ich vergessen, unsere Hausbestie zu erwähnen.
Lucie war eine ausgesetzte, alte, kurzhaarige Jagdhündin. Ein Wachhund oder wie Klaus zu Recht sagte, ein Schlafhund. Hätte Bob Marley einen Hund gesucht: Lucie wäre ideal für ihn gewesen. Stell dir einfach einen Hund vor, der schon morgens XTC einwirft und dann den ganzen Tag Mariuhana-Hunde-Leckerlies aus Amsterdam futtert. Absolut stoned der Hund – und das den ganzen Tag!!

Mittlerweile rochen die Steaks und die Würste auf dem Grill schon so lecker, dass wir uns alle wieder im Trinkzimmer (salone) einfanden. Jürgens Mahlzeit bestand aufgrund seiner vegetarischen Einstellung aus Pellkartoffeln und frisch auf dem Feuer gerösteten Maroni. Maronis liegen zu dieser Jahreszeit zentnerweise vor der Haustüre rum und schmecken auf dem Feuer geröstet einfach lecker.
Sepp der Grillmeister und Klaus als heutiger Küchenchef zauberten ein einfaches und wohlschmeckendes Abendessen. Satt und mit einem guten Glas aus Nachbars hausgemachtem „Vino rosso“ begann ein langer feuchter Abend. Am Schluss hatte wir alle Augen wie Lucie und waren auch genau so drauf wie sie. Zeit für die Falle, denn am nächsten Tag würde sich jedes Glas zuviel rächen. Endlich konnte ich mich als Schnarchmonster outen und jedem Oropax für die Nacht anbieten. Anscheinend hatte jedoch der Wein die Gehörgänge aller verstopft, so dass kein Bedarf bestand.

la burla (Der Spaß)

Lasst die Spiele beginnen!!

Nach einem genialen Schlaf in der Ritterburg gab es am Morgen besten Espresso mit Latte ( latte = Milch, nicht das was ihr denkt!), Wildschweinsalami, würzigen Hartkäse und auch sonst noch viele ungesunde aber gute Dinge.
„Jetzt geht noch mal jeder aufs Klo und dann reiten wir los!“, dachte ich mir und stieg in meine Rüstung.
Stretch sei Dank – meine Enduroklamotten passten gerade noch.
Klaus meinte, heute fahren wir eine kleine gemütliche Hausrunde, da zurzeit ja Pilz- und Jagdsaison ist und zu viele Leute am Sonntag in den Bergen sind. Maximal 50 km Strecke in einem Radius von 5–10 Kilometern um unser Haus. „Gemütliches Einfahren!“, dachte ich mir.
Irrtum Nr. 3

30 Meter Schotterstraße und sofort steil rechts den Abhang hinunter durch die Büsche.

Klaus ebnete die Spur und seine Jünger sollten ihm folgen. Um den Bericht ein wenig zu verkürzen bemühe ich mich, die nächsten Stunden des Schweißes in einige treffende Stichpunkte zu fassen. a) absolut nichts für Anfänger , b) mehr als artgerechte Haltung von Sportenduros, c) nie im meinem Leben so lange im Wald bergauf- und bergabfahren, d) überrascht, dass ich doch noch ein wenig fahren und noch viel mehr schwitzen kann, e) ein Mordspaß im wahrsten Sinn des Wortes.
Ich war dankbar über mein Damenköpfchen, über mein Camelback auf dem Rücken, über jeden Verbindungsfeldweg der kurzfristig mein Moped und auch mich abkühlte. Sogar über das Aufsetzen des nassen verschwitzen Helmes, der nach den kleinen Pausen ausgekühlt war konnte ich mich freuen. Es gab alles was sich das Enduroherz wünschen kann. Wald, Schotter, Steine, Schlamm, Felskanten, Flussdurchfahrten mit Fangobehandlung, Holzschleppwege mit quer liegenden Baumstämmen oder auch ohne diese verfickten schleimigen  Stämme – einfach alles!!
Schnell trennte sich die Spreu vom Weizen. In unserem Fall hieß das: die Lebensmüden von den Biergarten-enduristen. Meiner Meinung nach testete Klaus aus, wie weit er mit dieser Gruppe gehen kann, um die Routen für die nächsten Tage festlegen zu können. Machte absolut Sinn.
Unser Sadistenguide Klaus konnte den Level  innerhalb von 200 Meter von leichtem Schotterfahren  auf Sixdaysniveau hochschrauben. Unser Mitstreiter aus dem Bodenseebereich sagte lächelnd bei einer kurzen Trinkpause: „ Eeeei deeesch waar aba eeeasy going grad.“ Der Wahnsinnige! Kurzzeitig sah man in den Pupillen von Klaus ein loderndes Feuer samt Belzebub aufleuchten, dann drückte er mies lächelnd wie Al Capone sein KTM-Starterknöpfchen und schoss den nächstbesten Steilhang hinauf. Oben angekommen packte er seine Kamera aus und dokumentierte damit das Leiden unserer nächsten Stunde. Der Sack! Und was lernt man nun daraus? Reize nie deinen Guide und reize schon gar nicht Klaus. Denn wer 20.000 km im Jahr auf seinem Bike Enduro fährt, der ist einem immer überlegen!


Innerhalb der ersten Fahrstunde begegneten wir trotz unserer abgeschiedenen Lage ca. 30 Pilzsammlern und 50 Jägern auf der Pirsch nach Wildschweinen. Der Begriff Wildschweine ist sehr dehnbar und hätte wahrscheinlich auch auf uns gepasst. Gas wegnehmen, freundlich grüßen und man wird es nicht glauben … die Jäger grüßen freundlich und lachen beim Vorbeifahren. Völlig undenkbar in unseren Ecken. Klaus erklärte, dass die Wälder für jeden da seien und, so lange es keiner übertreibt, gäbe es auch keine Probleme. In der Toskana gibt es keine Jagdpächter. Man kauft sich einfach für 25 Euro eine einjährige Ballerlizenz. Darum muss man sich auch nicht über Pilzesammler wundern, die mit Ihren Stöcken im Boden rumstochern und auf dem Rücken eine Schrottflinte tragen. Schließlich könnte ja mal ein kleiner Keiler zwischen der Steinpilzkolonie rumlaufen.
Haben sie schon mal einen Jäger mit einer vollautomatischen M 16 im Anschlag gesehen? Wir schon!
Das Lustigste an den Weidmännern war jedoch Ihre Kleidung. Von oben bis unten im Tarnanzug einschließlich Dreck im Gesicht. Wie John Rambo in seinen besten Zeiten. Nur warum hatten sie dann alle Warnwesten in neongelb darüber gezogen? Wollten sie die Wildschweine zu Tode blenden oder wollten sie nur sicher gehen, dass bei fortgeschrittenem Grappakonsum ein kotzender Weidmann nicht mit einem Wildschwein verwechselt würde. Bei der Ähnlichkeit (besonders die Rundungen) mancher Jäger mit den Borstentieren halte ich Verwechslungen bei Gott nicht für ausgeschlossen.
Ohne Einschüsse, aber dafür genauso stinkend wie die Wildschweine, erreichten wir endlich die Lichtung unseres Refugiums. Ein göttliches Gefühl. Eine wunderbare Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung. Wie pinkeln nach 6 Weißbier und mehreren Stunden Busfahrt ohne Pause. Scheintot stellte ich mein Moped in den Stall, holte einen Liegestuhl und verweilte ohne die geringste Muskelzuckung einige Stunden in der herbstlichen Italiensonne. So lange, bis ich die Geier über mir sah und die Hyänen nur noch Meter von Ihrem faulig riechendem Abendmahl entfernt waren. Ab in die Dusche und weiter zum Futtern!
Ein kleiner Cafe, ein Gläschen Vino, eine Kippe und schon sah das Leben wieder gut aus.
Lucie war spirituell gerade wieder in Babylon und sang innerlich den Peter Tosh Song: „Legalize it“. Auch die anderen spürten, dass die Lebensgeister wieder Einzug hielten. „Wer kocht spült nicht ab!“, sprach Klaus und verschwand mit einem Sack Nudeln in der Küche.
Wieder ein einfaches aber sehr köstliches Mahl. Nachdem jeder seinen Kohlehydratspeicher gefüllt hatte, spürte man anhand der leisen und spärlichen Gespräche, dass bis auf Klaus alle ein wenig kaputt waren. Das gab sich aber nach einigen Gläsern Wein und endlich ging es wieder in meine Vorstellung von Männerurlaub über. Tagsüber dachte ich mir schon manchmal ob ich versehentlich bei der AOK einen Fitnessurlaub gebucht hatte. Einfach Leben, Quellwasser trinken, frische Luft atmen, Sport treiben – vielleicht hat mich meine Freundin doch in die Betty-Ford-Entziehungsklinik gesteckt?
Kein Rauch, kein Bier was mache ich hier?
Vielmehr wollte mein Körper tagsüber nur Wasser und Sauerstoff. Und das in rauen Mengen! Diese Woche sollte der erste Italienurlaub meines Lebens werden von dem ich, trotz Pasta und Pizza, leichter nach Hause kam als ich losfuhr.

Eine meiner Abendbeschäftigungen nach ein paar Gläschen Wein war es, aus der gut beheizten Trinkhalle vor die Türe gehen, in die stockfinsteren Wälder zu gaffen und den irren Geräuschen dort zuzuhören. Ich hörte Käuze, Eulen, Wildschweine und meiner Meinung nach auch prähistorische Flugsaurier. Manche Geräusche konnte ich zuordnen, andere wiederum erinnerten mehr an den weitläufigen Bereich der Sodomie. Aber die beiden Hauptverdächtigen Sepp und Henna knallten ausnahmsweise gerade keine Wildschweine – vielmehr sprachen sie gerade mit der 35-Liter-Weinflasche über den schönen Tag und warteten auf eine Antwort.

la animale (Das Tier)

Nun hieß es austrinken, Stirnlampe einschalten und ins Bett klettern. Aber was war das für ein kleines Insekt über meinem Schlafsack an der Wand? Ich wusste was es war, wollte jedoch sicher gehen dass es sich um keine Halluzination handelte und jagte Holgi aus seinem Schlafsack. Auch er bestätigte nach einigen verwirrten Blicken meine Meinung: Ein Skorpion! 4cm lang, Schwanz und Scheren eingeschlossen. Doch schon nach einer kurzen Behandlung mit meinen Bergstiefeln war er einen glatten Zentimeter länger. Und dünner! Tierschutz war noch nie meine Domäne! Gott sei Dank, dass Holgi anwesend war. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte ich wegen meiner Horrorhalluzination sofort mit dem Trinken und Rauchen aufgehört. Danke Holgi!
Klaus bestätigte am nächsten Tag unsere Abendentdeckung, erklärte aber grinsend, dass diese Teile sowieso nicht giftig seien. Oh, wie beruhigend!
Ein Punkt wiederholte sich jeden Morgen nach dem Start der Tour. Sado-Klaus fuhr ca. 5 Minuten voraus, um dann blitzschnell im 90 Grad Winkel entweder steil bergauf oder steil bergab in einem Affentempo zu verschwinden. Wenn auch der Letzte wieder mit 180 Puls zum Guide stieß und nach Luft rang, gab es nur ein hämisches „ Gudn Morgen Jungs! San ma scho wach?“, zu hören. Langsam spürte man, dass sich Bänder und Sehnen über Nacht um 2 Zentimeter verkürzt hatten und nun mit Gewalt wieder in die Länge gezogen wurden. Gleichzeitig presste der Körper salzigen Rotweinextrakt aus allen Hautporen. Lecker!
Der nächste Fahrtag brachte uns über wunderbare Pfade, meistens entlang der Bergkämme, mit einem fabelhaften Ausblick über die umbrischen Berge und Täler. Immer wieder gab es ein paar „Schmankerl“ die uns kräftig zum Schwitzen brachten. Abkühlung gab es zwischendurch in einer netten Bar bei Aqua Minerale, Coca Cola und leckeren Cappuccino. Der Spaß stieg mit der Anzahl der bezwungenen Steilauffahrten und der überlebten Steilabfahrten. Doch leider verbrauchte meine KTM mittlerweile genauso viel Wasser wie ich und zwang mich zum Besuch einer genialen KTM-Werkstatt.
KTM Steels in Castiglion Fiorentino. Diese Werkstatt betreute Fabrizio Meoni, bis er durch einen tragischen Unfall bei der Dakar Rallye ums Leben kam. Sein englisch sprechender Bruder kümmerte sich zusammen mit seinen Mechanikern bestens um meine Wasserpumpensimmerringe und mein Ventilspiel, während ich in Ruhe die gesamte Rallye-Armada von KTM-Italien besichtigen konnte.

KTM Steels in Castiglion Fiorentino.

Nochmals vielen Dank auf diesem Wege an Romeo Meoni und sein super Team. Holgi wartete mit mir, bis mein Bike wieder flott war- die anderen schossen indessen die nächsten Berge hinauf. Nach einem lächerlichen Betrag für die Arbeit und einem großzügigen Trinkgeld machten wir uns wieder auf den Weg in Richtung unseres Hauses. 40 Kilometer Pässe heizen war auch mal wieder schön und machte erst mit Motocrossreifen richtig Spaß. Dort angekommen zogen wir uns nur schnell um und stiegen alle in den Landy samt Hänger ein. Heute sollte es Pizza und Pasta in der Trattoria unten im Dorf geben. 8 Leute und ein bekiffter Hund finden bequem Platz im Landy. Ich kam mir vor als säße ich zusammen mit anderen festgenommenen Wilderern in einem kenianischen Polizeiwagen und wir fahren gerade über Schüttelpisten zu einem fetten schwarzen, schwitzenden Polizeihauptmann der uns gleich Waffen, Beute und den rechten Arm abnimmt.

Mit weiteren 20m² Terrassenplatten vom Baumarkt, 8 Pizzen samt Vorspeise und einigen Flaschen Vino fuhren wir dann wieder glücklich aber fast ohne Licht zurück in die Wildnis. Englische Fahrzeuge, bzw. deren Elektrik haben ja nicht gerade den besten Ruf. Spötter beschreiben den Hersteller der elektronischen Bauteile (Lukas) zu Recht als „Prinz of darkness“. Der Landy war das beste fahrende Beispiel dafür. Lüftung aus – dann Licht an. Fernlicht an – dann Lüftung automatisch aus. Vielleicht lag es aber auch an der Tatsache, dass sich der halbe Scheinwerfer voller Wasser befand. Anyway!
Oben angekommen ging es in den „salone“. Es wurde eingeheizt und eingeschenkt.
„Morgen geht’s in die Mondalpen!“, sprach der Capo.
Alpe Della Luna, wie die Eingeborenen so sagen. 150 km, juhu! Im Klartext bedeutete dies: nicht den Körper sondern das Bike voll tanken, viele Schokoriegel einpacken und das Camelback randvoll machen.

Da soll es noch richtige Wölfe und hungrige Bären geben! Geil! Nur…wen werden sie zuerst auffressen? Den Ersten, den Letzten oder doch den Fettesten? Ich tippte auf Jürgen. Jürgen mit seiner 2,1m Größe und seinem schlaksigen Gang, war ein Phänomen. Wenn er sich fortbewegte erinnerten seine zwei Beine immer an einen treudoofen Elch, bei dem jedes seiner ewig langen und dürren Beine in eine andere Richtung wollte. So entstand auch sein Spitzname: Olivia. Wie Popeyes dürre Freundin die immer von dem grobschlächtigen Pluto zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde, bis Popeye sie mit Hilfe einer Spinatdose rettete. Olivia schaffte es während des ganzen Urlaubs, die Möglichkeit einer brauchbaren Kommunikation mit ihm bereits im Ansatz zu ersticken. Seine Bereitschaft das Frühstück zu machen oder beim Abspülen zu helfen war zwar ansatzweise zu spüren. Jedes mal wenn er jedoch an Lucie auf dem Weg zur Küche vorbeiging und sie so würdevoll stoned in Ihrem Körbchen sah, fiel der Ehrgeiz auf den Boden und verschwand zwischen den alten Ziegelsteinen und die beiden sinnierten über das Leben und die Liebe. Jeder Satz begann mit einem  gaaaanz langsamen: Eeeeeeeeiiiiiiii, däääs isss…. . und endetet mit einem : Waaaaas meaaaaans du Klaus“ . Man konnte aber Olivia auch nicht böse sein, denn er war einfach mal so. Irgendwie erinnerten mich seine Entschlussfreudigkeit und sein „spontanes Wesen“ stark an einige Mitarbeiter der Stadtverwaltung oder an unsere geliebten Polizisten.

An diesem Abend durfte ich ein neues sehr interessantes „Gute-Nacht-Tierchen“ an der Wand finden. Es sah aus, als hätte man zwei Haarkämme an der nicht gezinkten Seite zusammenklebt (Läusekamm!). Auf alle Fälle war es glänzend schwarz, ca. 8 cm lang und höllisch schnell. Genmanipulierte Tausendfüßler! Mein Versuch, es wieder mal an die Wand zu klatschen scheiterte erbärmlich an meinem Promillegehalt im Blut. Ich schaffte es jedoch mit einem unkoordinierten Schlag, diesen Alien von der Decke in meinen Schlafsack zu befördern. Obwohl ich diesen eingehend ausschüttelte, bescherte mir der vermeintliche Sieg über den Läusekamm keine ruhige Nacht. Selbst das Jucken eines ordinären Fadens im Schlafsack führte nächtens zu „spontanen Tänzen“ vor dem Bett.

Zusätzlich hatte ich meinem Körper strikt verboten mit offenen Mund zu schlafen. (Zu gern hätte ich jedoch Holgis Aufwachblick gesehen, wenn aus meinem schnarchenden offenen Mund dieses kleine Alien gekrabbelt wäre!)

Es war überhaupt gewöhnungsbedürftig mitten in dieser Wildnis bei teilweise offener Türe zu schlafen. Es kam nicht selten vor, dass Kifferlucie wieder mal Brand hatte und mitten in der Nacht die Türe öffnete, etwas Wasser schlabberte und wieder verschwand. Die Tür blieb danach natürlich offen! Hätte sich der Köter wenigsten mit einem anständigen: „Moin Jungs! Ich brauch grad was zu Saufen bevor ich meinen nächsten Dübel durchziehe!“ gemeldet, wäre es uns allen klar gewesen, welches vierbeinige Etwas gerade unter uns vorbeiläuft. So konnten wir nur am Schlabbern erraten, ob es der Hund war oder ein Bär der seine Kehle schmiert bevor er Olivia frisst.

la aquila (Der Adler)

Früh aufgestanden, rustikal gefrühstückt und wieder ab auf die Strecke. Zwischendurch noch einen leckeren Cappuccino in einer Bar und „auffi auf’n Berch“. Vorbei an verfallenen und verlassenen Dörfern und das, obwohl wir hier gerade mal 80 km vom italienischen Ballerman 6 sprich Rimini entfernt waren. Eine wunderbare verlassene Gegend. Ideal zum Verirren. Bereits nach 20 Geländekilometern verlor man jeglichen Orientierungssinn. Klaus erklärte uns, es sei kein Problem einen vollen Tank hier oben leer zu fahren, ohne auch nur eine Menschenseele zu sehen. Genau das war auch unser Problem, denn wir hatten noch viele Kilometer vor uns aber schon einiges an fossilen Brennstoffen verbraucht. Klaus wusste ein nettes Bergdorf mit Tankstelle und einer gemütlichen Bar. In dieser Bar hing hinter dem Tresen an der Wand ein Bild das zwar jeder von uns sah, sich aber keiner vernünftig erklären konnte. Da präsentierten umbrische Jäger voller Stolz einen prächtigen Adler den sie gerade vom Himmel geholt hatten. Die Spannweite seiner Flügel war riesig und bestätigte meinen Verdacht, dass es doch noch Flugsaurier in dieser Ecke der Erde gibt. Stellen sie sich mal vor, in Bayern hätte man ein solches Prachtstück mit einer Ladung Schrot vom Himmel geholt. Da wäre der „kleine Jagdunfall“ mit JJ1 ( Bär Bruno) juristisch und medientechnisch Pippifax gewesen. Die gesamte europäische Rechtssprechung wäre überarbeitet worden, Merkel müsste endlich Ihren Stuhl räumen, Frau von der Leyen würde Familiensonderbotschafterin in Ruanda werden und Herr Struck samt Nachfolger müsste Minen in Kabul suchen. Alles nur wegen einem Adler! … Aber wenn ich mir das so recht überlege: Hat jemand eine Knarre für mich und weiß einer zufällig wo so ein Geier über Bayern kreist?

Geniale Aussicht

Nach dem Tanken und Erholen musste Sadoklaus uns wieder auf Betriebstemperatur bringen und schickte uns durch ein schlammiges Flussbett. Und da passierte das Unglaubliche. Moses war plötzlich unter uns. Der, welcher über das Wasser fahren konnte! Der, welcher das Wasser zu teilen vermochte! Gepriesen sei er! Halleluja! Von nun an hieß Holger „Moses“, denn er scheuchte seine EXC so gewaltvoll und schreiend über den Fluss, dass selbst das Wasser voller Entsetzen das Spritzen vergaß. Moses segnete uns mit Schlamm, nahm uns die Beichte ab und wir setzten die Reise fort. Über Pferdekoppeln, alte Holzfällerwege, durch Wälder, vorbei an Gnomen, Kobolden und Wildschweinjägern. Immer wieder stoppte Klaus an verfallenen uralten Steinhäusern, die viel erzählen könnten. Auch eine alte verfallene Kirche zählte zu seinen sehenswerten Immobilien. Im Inneren gab es eine verbotene Kiste mit einem Haufen Knochen und einem kleinen Fluch für denjenigen, der die Kiste öffnet. Dummerweise konnten Moses und Sepp Ihre Neugierde nicht bremsen. Fehler! Großer Fehler! Zurzeit „wohnen“ die beiden gerade im Untergrund von Rom. Genauer gesagt unter dem Petersplatz. Beide mit rostigen Ketten an Stahlbetten gefesselt. Weil sie so böse lateinische Dinge sagen und Ihre Augen dabei verdrehen. Irgendetwas vom Ende der Welt und „Ich bin Vertreter von Satan…“

Selber Schuld Jungs – wir haben Euch gewarnt! Aber die netten Leute des Vatikans haben schon viel schlimmere Problemfälle wieder hingekriegt. Dat wird schon wida!

   Sepp und Holgi vor dem Kirchenfluch...

Todmüde und völlig versifft erreichten wir endlich die Zivilisation, noch schnell Futter im Supermarkt gekauft und dann ab zur Mopedwaschanlage, wie Klaus so schön meinte. In Wahrheit sprach er über eine Tiberdurchfahrt. Der Tiber! Der Tiber von Rom! Klaus mit Vollgas und satte Anlauf hindurch. Moped an den Baum gelehnt, Kamera geholt und gewartet. Henna, der seinen wundgescheuerten Arsch abkühlen wollte gleich hinter. Aber nur bis zur Mitte. Leicht bepisst stand er und sein oranges Boot in der Mitte des Tibers. Ein herzliches: „Danke Klaus, Du Sack“ verbunden mit dem Gedanken: „I Depp fahr dem Blädn a no noach!“ schleuderte Henna auf die andere Seite des Tibers. Unser Kameramann fiel vor Lachen fast um. Moped rausgeschoben und 1.000 Mal gekickt. Da wir uns weigerten ein unfreiwilliges Bad zu nehmen, mussten die Beiden zum Dank noch mal zurück fahren. „Was ist schon eine Mount Everest Besteigung gegen eine Tiberdurchfahrt?“, dachte sich unser Tiberkönig und hielt uns unsere Fahrverweigerung tagelang unter die Nase. Wir wiederum dankten seiner Hoheit dafür, dass er endlich einmal wieder gut roch und man ohne Verwesungsgeruch in der Nase zu haben hinter ihm fahren konnte.

   

Über unsere Hausendurostrecke wieder zurück in unser Refugium, die Bikes noch kurz mit Quellwasser abgespült und ab zum Futtern. Am Abend gab es zur allgemeinen Belustigung immer die Vorführung der Fotos und Videos des Tages. Die gesammelten Werke aller Teilnehmer würden sicherlich viel Geld bei der Sendung Pleiten, Pech und Pannen bringen.

la pausa ( Die Pause )

 

Nachdem ich mir anständig den Fuß geprellt hatte, war der nächste Tag als Ruhetag eingeplant. Die schwindenden Kräfte von Holgi, sowie die Unlust von Olivia teilten meine Meinung. Moses und ich entschieden uns für eine gemütliche Fahrt über die Schotterstraßen (strada bianca) nach Arezzo und Olivia wählte sein eigenes touristisches Programm. Nachdem sich die “Bremser“ der Gruppe ausgeklinkt hatten war klar, dass der Rest heute Blut und Wasser schwitzen würde. Klaus gab uns eine kleine Karte, beschrieb uns den Weg und wir trennten uns. Treffpunkt war für alle eine Pizzeria in Anghiari. Richtig entspannt fuhren wir einen Streckenteil, der auch in der angebotenen Reiseendurotour enthalten war nach Arezzo. Vorbei an wunderbaren Villen und Weingütern, immer mit einem Weitblick, der uns oft zum Anhalten und staunen zwang. Ein kleiner Trip durch die schöne Altstadt von Arezzo, verbunden mit einem netten Baraufenthalt, und schon machten wir uns auf dem Weg zum Treffpunkt in Anghiari. Nach einer kleinen aber diplomatisch geführten Diskussion mit der örtlichen Polizei, und der anschließenden Erklärung, dass eine Einbahnstraße auch wirklich so zu befahren sei wie es die Städteplaner meinten, aßen wir wieder einmal genial zu Mittag. Ein bisschen mitgenommen sahen die anderen schon aus, als sie zum Treffpunkt kamen, aber sie wollten es ja nicht anders.

Tiberkönig und Sepp tranken schon wieder Bier, Moses und ich sowieso, Olivia aß vegetarische Pizza (Spinatbedarf?), Thomas und Jens unterhielten sich über die alltäglichen Reparaturen ihrer KTMs und Sadoklaus saß zufrieden und entspannt am Tisch. Erholt, als ob er gerade von einem mehrwöchigen Strandurlaub kam. Wenn man ihm jedoch genau in die Augen sah, erblickte man in den Pupillen den bekannten kleinen Teufel. Und der lachte sich gerade einen ab!

Die „Kranken“ dürften noch einige Stunden leiden, während sich Moses und ich in der „Meckbar“ (bei Frau Supergeil und Frau Nurnochgeil) ein kühles Bierchen und einige Tässchen „Negerschweiß“ (Espressi) in der wunderbaren toskanischen Herbstsonne gönnten. Was will man mehr?

Auf den letzten Metern der Geröllpiste zu unserem Haus sah ich von weitem wie die Kranken aus dem Gebüsch schießen und die Straße erreichen. Als wir beide an der Stelle vorbeikamen und nach dem Weg oder Reifenspuren suchten, war außer einer kleinen Bremsspur an einer fast senkrechten Wand am Berg nichts zu sehen. Keine Ahnung wie man dort ohne Überschlag runterkommt. Abends erzählten die Irren von einigen fast senkrechten Felswänden die man befahren konnte auch wenn man es nicht für möglich hielt.

Rein in die Burg, geduscht, den Ofen eingeheizt und die Gläser auf den Tisch. Kifferlucie war gerade auf Entzug. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass dieser Flohhaufen plötzlich aufsprang und von allen gestreichelt werden wollte. Vielleicht wollte sie ja Kohle für den nächsten Joint erbetteln oder sich einfach nur prostituieren. Ich schickte sie zu den beiden „Tierfreunden“ ins Nachbarzimmer. Strafe muss sein!

Morgen letzter Fahrtag – „Scheiße!“, dachten sich die meisten. Zum Abschluss ging es an den drittgrößten See Italiens, den Lage Trasimeno. Aber logischerweise immer über Stock und Stein.

Die lustigen und langen Abendgespräche führten in angenehmer Weise dazu, dass man der Meinung war, diesen wild zusammen gewürfelten Haufen bereits seit Jahren zu kennen. Der Wein tat natürlich sein Bestes dazu. Durch das gemeinsame Schinden und Schieben entstand ein Teamgedanke, von dem mancher Abteilungsleiter eines Unternehmens nur träumen kann. Auch unsere zwei Hobbyhomos (Tiberkönig und Sepp) fühlten immer mehr, dass es wahre Liebe nur unter Männern gibt. Hätte die Evolution nicht einen Riegel davor geschoben, wäre sicherlich aus der innigen Zuneigung ein Kind mit rundlichem Kopf entstanden, dessen einzige Fähigkeit darin besteht zu grinsen und vorbeifahrenden Zügen zu winken.

Leider hat sich Jens der sich mit den Irren tagsüber vergnügte eine satte Bänderverletzung zugezogen. Somit hatte Olivia, Jens, ich und Kifferlucie ein gemeinsames Problem: keiner von uns konnte anständig gehen.

Austrinken und ab in die Falle. Noch kurz einen halben Schokoriegel aufreiben und die Brösel unter Holgis Bett streuen, damit die kriechenden Zimmermonster wenigstens über Nacht bei Moses bleiben. Böse aber effektiv!

 

Ausgeruht und leicht fußkrank freute ich mich auf den nächsten Fahrtag.  Fast alle waren wieder am Start. Einzige Ausnahme: Meine KTM. Schon Tags zuvor musste ich ewig orgeln und die Zündkerze wechseln. Aber irgendwann sprang auch meine Mühle wieder an und es ging für alle weiter. Jens humpelte mittlerweile schon so stark, dass Lucie erstens schneller war (!!!) und sie zweitens überlegte, ob sie Jens als Beute erlegen sollte. Eine solche Gelegenheit würde sich schließlich nie wieder in ihrem Leben ergeben. In Crossstiefel passte der Fuß sowieso schon lange nicht mehr. Somit war klar, dass Jens seine Auszeit nahm und es wurde wieder mal ein Treffpunkt festgelegt.

Ab durch die Büsche und rauf im ersten Gang. Als ich meine Kiste wegen eines Staus am Hang einmal ausmachte, dachte sich meine Mühle: „Wie lange soll ich noch den Scheiß meines Fahrers mitmachen?“, und quittierte berechtigt ihren Dienst. Der Drecksbock sprang nicht mehr an. Wieder mussten alle warten bis die Zündkerze gewechselt wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt rebellierte der gesamte Mob und wollte mich alleine der Wildnis und den Raubtieren überlassen. Nach einer Ewigkeit meldete sich meine Mühle wieder zur Arbeit. Wir kreuzten gerade eine Teerstraße, als endgültig kein Zündfunken mehr in den Brennraum wollte. Ich besänftigte die Horde mit Bierversprechungen und sicherte Diskretion über die zwischenmenschlichen Beziehungen unseres Urlaubes zu. Mir war aber klar, dass es abermals zu KTM-Steel in Castelion Fiorentino ging.

Bergab auf der Teerstraße kein Problem, aber auf der Geraden musste mich jemand ziehen. Glücklicherweise waren wir gerade einmal 10 Kilometer von der Werkstatt entfernt. Am Ende der Bergabfahrt gab es wieder einen kleinen Zündfunken, dem ich jedoch nicht vertrauen konnte. Romeo Meoni grinste schon aus der Werkstatt als er unseren Haufen sah. Sadoklaus brachte ja schließlich jede Woche irgendwelche Leute vorbei, deren Schäden er wieder reparieren müsste. Ich kannte ja den Weg zurück und blieb mit Jens, der seinen kaputten Fuß auch noch mit einem defekten Bremszylinder belohnte bei Romeo und seinen Mannen. Die Mühle von Jens wurde schneller repariert, als sein Bein pochen konnte. Nur bei mir schaute es schlecht aus. Zündung im Arsch und kein Ersatzteil da. Was tun? Romeos Mechaniker nahm mich mitfühlend an der Hand und führte mich zu einer niegelnagelneuen 450 EXC und wollte mich gegen Zahlung von 7.900 Kröten von meinem Leiden erlösen. Ich erklärte ihm respektvoll aber mit ernster Miene, dass ich erstmal mein Geld für den Auftragsmord an dem E-Bay Verkäufer meiner KTM bräuchte und ich auf der Flucht ja schließlich auch von irgendetwas leben müsste.

Romeo maß alle Spannungen und Leitung der Zündanlage noch einmal durch, baute mein Bike zusammen und bat mir wie selbstverständlich an, mich samt meines Schrotthaufens zu unserer Stützpunktbar (Frau Nurnochgeil) in 40 Kilometer Entfernung zu fahren. Dort können wir ja dann die Kiste bei der morgigen Abreise aufladen. Als ob das nicht genug wäre, bekam ich bei der Frage nach der Rechnung nur ein Lächeln und ein verneinendes Abwinken. Absoluter Wahnsinn. Ich konnte ihn, außer zu einem Cafe in der Bar, zu keiner Zahlung überreden. Ich sollte mich nach der Mittagspause wieder bei ihm melden und sofort in die Bar 2000 zum Essen gehen, meinte er grinsend.

Nach einem kurzen Marsch durch die schöne Altstadt des Ortes folgte ich seinem Rat, ging in die Bar an einer vielbefahrenen Kreuzung und genehmigte mir ein Bierchen. Jetzt weiß ich auch warum er so grinste. Die Barista war wieder einmal weiblich und durfte als außergewöhnlich hübsch bezeichnet werden. Mein Mund blieb offen und stumm als ich meine Bestellung abgeben wollte und Ihr Mund blieb auch offen, da ich völlig versifft und in voller Kampfausrüstung in einer Schikimickibar ein Bier wollte. „Hoffentlich versaut mir der germanische Dreckbär nicht die neuen Designerstühle!“, konnte man aus ihrem Gesichtsausdruck lesen. „Und außerdem stinkt er!“ Aus Mitleid gab sie mir dann doch noch ein Bierchen und ich durfte stundenlang ihr Gast sein. Mit jeder Bestellung wurde sie freundlicher und ich besoffener. Da die Bar Treffpunkt aller Eltern war, die Ihre Kinder von der Schule abholten, könnte man allein über diese Stunden des Beobachtens ein Buch schreiben. Vom Dorfcarabinieri, der mit Zigarettenkippen beworfen wurde, weil er sich als Fan von Inter Mailand geoutet hat, bis zum Ehestreit der von 10 Umherstehenden heftig kommentiert wurde. Das ist Italien so wie man es liebt und kennt.

Um 15.00 Uhr war ich dann bei Romeo, der meine Kiste auf den Pickup warf und mich zurückfuhr. Wir unterhielten uns über seine 12 KTM Werkseinsätze bei der Dakar, über bescheuerte einheimische Motocrosser, die die Berge unsicher machten und mittlerweile zum Problem wurden. Ich erfuhr einiges über die Gegend, die Bewohner und auch über die Gefährlichkeit von besoffenen Jägern. Da er immer noch keinen Cent von mir wollte, lud ich ihn noch auf einen Cafe bei Frau Supergeil ein. Und wieder wartete ich in einer Bar auf die Anderen. Nach 5 Stunden kamen dann endlich seine Hoheit der Tiberkönig und sein Diener Seppl mit dem Hänger, um die Kiste für die Abreise zu verladen. Die Beiden waren schon ausgehfertig, was man von mir sicherlich nicht behaupten konnte. Aus dem Kofferraum warfen sie mir einen Rucksack mit Klamotten zu. „Ziag di gscheid o- mir fahrn ins Geistaschloss zum Essn!“, sprach seine Hoheit und ich erfüllte unterwürfig seinen Wunsch. Schon mal in einer italienischen Toilette das Umziehen probiert? Die Örtchen sind nie groß und leider auch nie gereinigt. Zusätzlich haben sie diese wunderbaren Duschwannen im Boden eingelassen. Ein riesigen Ablauf, der ganze Hühner in die Kanalisation saugen könnte und die wunderbar geriffelten Abstellflächen, welche immer stark pigmentiert sind. Richtig lecker. Wer selbst schon mal probiert hat dort sein Geschäft zu verrichten, der weiß, warum es Leute gibt, die nie wieder Italien bereisen. (So genannte Heimscheißer). Man hat die Wahl zwischen schmerzhaften Beinkrämpfen samt Bandscheibenvorfall und einer vollbepissten Hose, wenn man den falschen Kniewinkel wählt. Meistens kriegt man jedoch beides ab. Gott sei Dank gibt es in diesen Kabinen keine Spiegel.

Die spaßigen Gesichtsausdrücke der Benutzer kann sich jeder selber gut vorstellen. Ich kam mir vor wie Houdini, der gefesselt in Tresore gesperrt wurde und sich dann innerhalb einer kurzen Zeit befreien musste. Nur Houdini war bei seinen Vorführungen nüchtern, hatte keinen Brustpanzer an und musste nicht immer benutzten Klopapierfetzen ausweichen.

Einige Muskelkrämpfe und Yogaübungen später kam dann unser Landy und es ging ins Gespensterschloss. Für 30 Euro gibt es ein 5 Gänge Menü inklusive Wein, Cafe und Dolce. Alles hausgemachte Pasta und feinstes Wild. Man konnte so viel essen, wie man vertrug. Und natürlich auch so viel trinken.

Das alte Castello war die Heimat des Feldherren Baldaccio d’ Anghiari, der im November 1441 bestialisch ermordet wurde und seither in diesen Gemäuern umherspuckte. „Gutes Marketing ist auch was wert!“, dachte ich mir und freute mich auf das Essen. Dieses Castello lag mitten im Nirgendwo auf einer kleinen Waldlichtung und wirkte in der Dunkelheit mit den Fackelbeleuchtungen schon sehr gespenstisch. In vielen italienischen Lokalen findet man ja neben der Eingangstür eine Fotosammlung samt Unterschriften verschiedener B- und C-Prominenter, die hier speisen dürften. Im Castello hingegen erblickte man jedoch Herrn Michael Schumacher (samt seiner Du-darfst-nicht-mehr-Rennen-Fahren-Frau), Luca di Montezemolo und gleich die gesamte Scuderia Ferrari! Also irgendetwas muss doch besonders sein, wenn sich die hohe Prominenz in einem so schlichten und rustikalen Restaurant einfindet. Es war das Essen. Pasta mit Wildschweinsoße, Enten und sonstiges Wild. Alles was der verstorbene Feldherr auch noch geliebt hatte, bevor seine Mörder kamen um aus ihm Ragout zu machen. Nachdem man ja in den Restaurants bekanntermaßen nicht mehr qualmen darf, holten wir uns unseren Nikotinbedarf vor der Türe zwischen Gang Nr. 4 und 5. Es war schon unheimlich. Mitten im Wald, in einem Jahrhunderte alten Haus in dem nachweislich wenig Angenehmes passiert ist. Jedes alte Haus hat eine Seele. Die des Castellos war auf alle Fälle rabenschwarz.

Das alte Castello des Feldherren Anghiar

Leicht angegruselt wollte ich noch mal auf die Toilette gehen. Uralte Granitwaschbecken, abgetretene Felsplatten als Boden und massive schwarze Türen mit dem für Italien typischen Schieberiegel im Legoformat. Genauso stellt man sich als kleiner Junge ein Ritterklo vor. Den Riegel sicher verschlossen, um nicht von Seppl oder Henna sexuell belästigt zu werden, malte ich gerade mit gelber Wasserfarbe Kreise in die Urinale. Im rechten Augenwinkel konnte ich die Türe sehen, als plötzlich und blitzschnell der Schieberiegel auf und sofort wieder zuging. Hossa! Das saß! Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass nicht nur das Blut und der Atem stocken können, sondern auch der Urin in der Leitung urplötzlich Halt machen kann. Käseweiß und völlig nüchtern ging ich wieder an den Tisch der anderen, trank Wasser und schwieg. Wie auch immer dieser Riegel bewegt wurde – er wurde bewegt und der Trick war bestens geeignet um Herzkranke in die Kiste zu zwingen. Soviel zum Thema Alkohol und Gespensterschlösser.

(Falls Ihr auch mal Lust auf einen kurzfristigen Herzstillstand habt: www.castellodisorci.it)

Die letzen freien Ecken in unserem Magen wurden noch mit ein paar Grappas auf Kosten des Haus(geist)es gefüllt und der Landy brachte uns wieder in die Wildnis zurück. Nach so einer Schüttelfahrt wird natürlich auch der Inhalt des Magens so verdichtet, dass schon wieder etwas in ihn hineinpassen würde. Meine Gespenstergänsehaut ließ nach drei Stunden endlich etwas nach und es wurde ein schöner letzter Abend mit dem lustigen Haufen. Der Wein floss nicht mehr so wie am ersten Abend und es machte sich ein wenig die Abreisestimmung breit. Da sich Tiberkönig am Abend des nächsten Tages beim Placebokonzert in München von der Bühne stürzen wollte, musste auch sein Gefolge früh abreisen. Es wurde alles gepackt und in dem Landy verstaut.

Noch einmal mit einer Kippe vor die Tür gesetzt und in diese herrliche fremde Natur geschaut. Klare kalte Oktoberluft. Nicht ein Licht, so weit die Blicke reichten. Geräusche von Tieren, die nur noch unsere Urgroßeltern in der freien Natur hörten.

Einer nach dem anderen kam raus und starrte still in die Dunkelheit des alten geheimnisvollen Waldes. Es wurde ganz leise gesprochen, als ob man den Wald nicht wecken wollte. Der Sternenhimmel war an diesem klaren Abend voller kleiner Lichter und eine ruhige, fast heilige Stimmung breitete sich sanft über uns aus. Es sollte etwas Besonderes geschehen. Andächtig erhob sich Sepp von der Steinstufe, öffnete langsam die oberen Druckknöpfe seines Hemdes, fast bis zum Bauchnabel. Dann holte eine kleine goldene Schatulle hervor, kniete sich andächtig vor Henna nieder und hielt mit Tränen in den Augen um seine Hand an ……

Wer’s glaubt wird selig. Ich wollte diesen Bereicht einfach nur nicht mit einer depressiven Abschiedsstimmung beenden. Dafür hatten wir alle viel zu viel Spaß und selbst beim Schreiben muss ich immer noch laut loslachen.

Zusammenfassend kann nur gesagt werden: Probiert es auch mal aus!!

Ein Riesenspaß, in einer super Gegend, zu einem sensationellen Preis, unter einem witzigen Dach, mit netten Leuten, gewürzt mit viel Schweiß und abartigen Muskelkatern.

 

Dank an Klaus und Sibylle für den geilen Trip und die gute Organisation.

Danke an Jens, Thomas, Olivia, Moses, Kifferlucie, Tiberkönig, Guiseppe, den Förstern, KTM Steels, Romeo Meoni, Frau Supergeil, der Bar 2000, der Brauerei Moretti, der Zigarrenfabrik Dannemann, Frau Nurnochgeil samt Mutter, an Haklefeucht, dem Nachbarwinzer, allen Baristas, dem Hausgespenst, allen Pizzabäckern, dem Tyranosaurus Rex, der I-TIM,  der policia stradale, Mr. Bob Marley, den Jägern, dem Erfinder des Camelbacks, dem Internetradio Roots Reggae/Sky FM….. und meiner Freundin Claudia für die Beseitigung meiner Rächtschreipkadastrofn.

 

Falls Euch der Bericht gefallen hat oder Ihr Fragen zu dem Trip habt: widiw@t-online.de

Mehr Infos unter: http://www.toscanaadventures.de/

 

 

Widi

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